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Zur Zweiten Symphonie von Theodorakis, AST 248




»Das Lied der Erde«






Nachdem Theodorakis 1959 am Londoner Covent Garden mit seinem Ballett „Antigone“ Triumphe gefeiert hatte, machte er eine radikale Kehrtwendung, gab die „klassische“ Komposition auf und kehrte in sein Land zurück, wo er mit seinen Liedzyklen auf Gedichte der bekanntesten zeitgenössischen griechischen Autoren (Ritsos, Seferis, Elytis, Christodoulou, Livaditis...) eine „Kulturrevolution“ auslöste.

Er wurde zum Wortführer einer Generation, die eine tiefe Veränderung Griechenlands anstrebte. Die letzte und verhängnisvollste Konsequenz dieser Aufbruchstimmung war der Putsch der Obristen vom 21. April 1967 sein. Theodorakis wurde verfolgt, verhaftet, deportiert und ins Pariser Exil geschickt. Zugleich wurde er zur Inkarnation des Widerstandes gegen die Diktatur. Seiner triumphalen Rückkehr nach Griechenland 1974 folgte jedoch eine derartige Ernüchterung, dass er 1980 erneut in ein freiwilliges Exil nach Paris ging, wo er sein symphonisches Schaffen wieder aufnahm, zwanzig Jahre später!

Da seine Musik für ihn eine Gesamtheit in der Vielfalt darstellt, fusionierte Theodorakis die Erste Suite für Klavier und Orchester mit der Musik zum Ballett „Antigone“ zu einer außergewöhnlichen Synthese: der Symphonie Nr.2 für Soloklavier, Kinderchor und Orchester AST 248, die er 1980-81 verwirklichte und die er „Das Lied von der Erde“ nannte: Bei ihm ist es die Erde, die ihren allerletzten Gesang anstimmt, während bei Gustav Mahler der Titel ein „Lied auf die Erde“ bedeutet.

Die Suite Nr.1 und das Ballett „Antigone“ sind zwei Werke „von denen ich glaube, dass das erste zu 'strikt dionysisches' ist und das zweite zu ausschließlich 'apollinisch', um mit Nietzsche zu sprechen. Ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Elementen war die einzige Lösung, um daraus ein vollständiges, abgerundetes Werk zu machen, das heißt, ein Werk, das die ganze Vielfalt und Reichweite der menschlichen Gefühle und die gesamte Komplexität eines Ganges durch die Zeit ausdrückt", schrieb mir Theodorakis im Vorwort zur Erstausgabe seiner Biographie von 1983.

Der Gang durch die Zeit ist aber auch ein Gang durch den Raum, der dem Ende der Zeiten entgegenstürzt. Dunkle Wolken ballen sich über der Menschheit zusammen: jene der Umweltverschmutzung, die das globale ökologische System bedrohen, und jene eines nuklearen Krieges.

Der erste Satz (Andante - Andante moderato - Andante cantabile - Allegro marcato - Andante) hat eine klagende Einleitung, die das Anfangsthema von Antigone und Hämon aufgreift. Der Eintritt des Soloklaviers bestimmt danach die Entwicklung des Satzes; Holz- und Blechbläser, sowie die reichhaltige Perkussion, schaffen eine große Spannung, bis die Flöte einen neues klagendes Motiv vorstellt. Angst herrscht vor, bevor der Satz in eine mächtige Choralmelodie einmündet.

Der zweite Satz (Presto - Adagio - Vivace - Adagio - Andante sostenuto) beruht auf dem Beginn der Suite Nr.1 und legt den Schwerpunkt auf das differenzierte Schlagzeug. Er konzentriert sich immer stärker und vermischt unentwirrbar Elemente der Suite mit Teilen des Ballettes. So wird eine neue Einheit hergestellt, die gleichzeitig einer neue ethische Vision darstellt.

Der dritte Satz (Andante - Andante cantabile - Lento) ist der komplexeste und zugleich differenzierteste. Er beginnt tänzerisch; kein Wunder, da er sich ganz auf Teile des Ballettes „Antigone“ stützt. Er folgt eine liedhafte Melodie, angestimmt durch Oboe und Streicher. Auch sie findet sich im Ballett wieder. Sie führt zum lyrischen Höhepunkt der Symphonie, der sich ohne Pause anschließt: Auf feinen Akkorden der Streicher stimmen Kinder das letzte „Lied der Erde“ an, zu dem Theodorakis selbst die Verse geschrieben hat. Die Vision der großen Katastrophe konkretisiert sich im Schlussteil des Satzes, dessen Instrumentierung zugleich spektakulär und beklemmend ist und den Weg zum Abgrund, die Kernthematik des Werkes, heraufbeschwört.

Das Finale (Presto – Adagio – Dolce) vereint die beiden letzten Sätze der Suite zu einem Ganzen, das auf einprägsamen kretischen Rhythmen fußt. Wie im Einleitungssatz kommt dem Soloklavier erneut große Bedeutung zu. Es führt diesen Tanz am Rande des Abgrundes zu seinem Höhepunkt. Allerdings will Theodorakis sein Werk nicht in einer Katastrophe oder im Nichts enden lassen. Daher fügt er einen kleinen Hoffnungsschimmer hinzu: Auf delikaten Akkorden stimmt das Soloklavier eine intensive lyrische und meditative Melodie an, eine byzantinische Hymne, die zu einer – fragenden – Hymne auf das Leben wird. Sie wird von den Bläser gleich meditativ aufgenommen und in die Stille geführt: So greift der Komponist, wie am Ende einer antiken Tragödie, auf das „Exodos“ zurück.

Die Zweite Symphonie wurde am 8. Februar 1982 mit Cyprien Katsaris und dem Orchester von Halle (DDR) unter der Leitung von Olaf Koch uraufgeführt. Am 9. Juli 1982 wurde sie im Rahmen des Festivals Echternach (Luxemburg), erneut mit Cyprien Katsaris, mit der Kinderchor „Prinzessin Marie-Astrid“ und dem Symphonieorchester von RTL zum ersten Mal im Westen gespielt. Mikis Theodorakis dirigierte selbst sein eindrucksvolles Werk.


© Guy Wagner 1983-2003 - Neufassung: 2006-2007


SYMPHONIE N°2 (DAS LIED DER ERDE)
Gedicht: Mikis Theodorakis
Komposition: 1980-1981 in Paris
Sätze:
1. Andante - Andante moderato - Andante cantabile - Allegro marcato - Andante
2. Presto - Addagio - Vivace - Adagio - Andante sostenuto
3. Andante - Andante cantabile - Lento (+Kinderchor)
4. Presto - Adagio
UA: 8.2.1982 in Halle (DDR)
Cyprien Katsaris, Klavier, Käthe Röschke, Alt, Hallesche Philharmonie, Olaf Koch
EA der Fassung mit Kinderchor:
9.7.1982 à Echternach (Luxembourg)
Cyprien Katsaris, Klavier, Kinderchor »Marie Astrid« Mondercange, Symphonieorchster RTL, Mikis Theodorakis





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