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Bill Thomas schreibt Theodorakis





Bill Thomas
Sehr geehrter Herr Theodorakis,

Ich bin mit Ihnen und Ihrem mutigen Werk seit jenen Tagen des Jahres 1968 vertraut, als ich als junger Marineoffizier in der Amerikanischen Sechste Flotte diente. Ich wurde Ihrer bewusst, als ich mit meinen Freunden in einer Taverne in Plaka war und das wunderbare Trio, das dort auftrat, bat, das einzige griechische Lied zu spielen, das wir kannten: Zorba.

Natürlich konnte ich als junger Amerikaner, dessen Leben sich um Musik drehte, nicht verstehen, warum die Musiker Nacht für Nacht – freundlich – ablehnten, Zorba zu spielen…, weil dies gegen das Gesetz verstieße. Gegen das Gesetz?

Ich habe das nie vergessen, ebenso wenig wie das Ereignis, das etwa drei Jahre später in Skiathos eintrat.

Ich war dort im Urlaub, um mich wieder an das Griechenland zu gewöhnen, in das ich mich während meiner kurzen Besuche einige Jahre zuvor verliebt hatte. Ich hatte meine Gitarre bei mir und traf einen jungen griechischen Mann und seine Familie, die ebenfalls dort Urlaub machten. Da wir beide Gitarren hatten, tauschten wir Lieder aus. Er interessierte sich für amerikanische Songs, und natürlich interessierte ich mich für griechische Lieder, besonders für die Ihren. Natürlich lehnte er höflich ab, Ihre Lieder zu spielen. In Wahrheit brachten meine häufigen Bitten, wie Sie sich denken können, jeden um mich herum in Verlegenheit. Aber ich musste wissen, warum die Stimme eines Liedermachers so gefährlich war. Ich, ein naiver junger Amerikaner, der hören oder spielen konnte, was er wollte, konnte nicht verstehen, warum man das Gleiche nicht in Griechenland tun konnte. Wir verbrachten die Woche damit, uns beinahe jeden Tag in einer Taverne zu sehen und unsere Lieder zu spielen. Und jedes Mal bat ich ihn, ein Lied von Ihnen zu spielen, mit immer den gleichen Ergebnis: höfliche Ablehnung.

Am letzten Tag unseres Besuches verpassten wir beide die Fähre, die nach Voulos geht, und da es regnete, lud er mich ein, zum Hause zu kommen, wo er und seine Familie wohnten. Da noch mehrere Stunden vergehen sollten, bevor die Fähre zurückkam, teilten wir das Mittagessen und wiederum die Musik. Und wieder bat ich um ein Lied von Theodorakis. Zu meiner großen Überraschung schlossen sie die Türe und die Fensterläden und spielten Ihre Musik. Die Wut und die Tränen flossen zusammen. Mein neuer Freund weinte. Seine Frau weinte. Die alte Frau, dessen Haus wir teilten, weinte. Ich war nie vorher von einer Darbietung derart bewegt, als an diesen späten Augusttag, und bis es seitdem nie wieder gewesen. Zwar konnte ich die Liedtexte nicht verstehen, verstand aber die Bedeutung dessen, was ich erlebte. Sie sangen mir über die Freiheit. Und den Schmerz und die Sehnsucht danach, wenn sie fehlt. Dass etwas, das gestohlenes oder verweigert wird, weit gefährlicher ist als etwas, das frei verfügbar ist.

Ich habe meinen Lebensunterhalt viele Jahre lang in Amerika als Autor von Kinderliedern verdient, hatte aber immer den Wunsch, über diese Erfahrung und die Macht von Musik und Kunst zu schreiben, die genau den Menschen verweigert werden, über die und für die sie geschaffen wurden. Menschen, denen man ihre Seelen verweigerte… Menschen, die, wenn sie in den Spiegel schauten, nicht mehr fähig waren, ihr Bild darin zu erkennen. Dass es mir möglich ist, Ihnen dies zu erzählen, Ihnen, dem Mann, dessen Musik und Leben das einer Nation und auch meines inspiriert haben, ist eigentlich fast schon genug.

Mit Dank

Ihr

Bill Thomas

© Bill Thomas 2004 - Deutsche Übersetzung © Guy Wagner
Bill Thomas ist ein Geschäftsmann der in den USA lebt. In den 70er und 80er Jahren schrieb und produzierte er Lieder und Filmse für eine populäre Fernsehproduktion für Kinder in den Vereinigten Staaten.
Diesen Brief hat er vor kurzem an Mikis Theodorakis geschickt. Er sagt viel aus über das Klima während der griechischen Diktatur und über das, was Theodorakis in dieser Zeit dargestellt hat. Jetzt, wo wieder soviel ungerechtfertigter Hass sich auf Theodorakis entlädt, ist es wichtig, dieses ergreifende Zeugnis zu veröffentlichen.





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