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NEU: Zum Klavierkonzert "Helikon" (1952)




Gedanken zum Klavierkonzert "Helikon“



Tasos Livaditis
Das unvollendete Konzert für Klavier "Helikon“ ist eines der "vergessenen" Werke von Mikis Theodorakis. Dies ergibt sich schon aus der Tatsache, dass es von der Pianistin Tatiana Papageorgiou wieder entdeckt wurde, als sie im "Lilian Voudouri"-Archiv, der Musik-Bibliothek des Athener Konzertsaals, recherchierte, wo alle Werke von Theodorakis aufbewahrt werden.

Als sie ihre Entdeckung mit dem Komponisten besprach, sagte Theodorakis ihr, dass das Datum 1952 am Ende des Manuskriptes bedeutete, dass er das Werk vermutlich während seiner Ausarbeitung unterbrach, um andere musikalische Verpflichtungen zu erfüllen, wie Filmmusiken oder Kompositionen für ein Rundfunkhörspiel zu schreiben.

1952 war das Jahr, in dem Theodorakis – nach Verbannung auf Ikaria, Folter auf Makronissos und Militärdienst an der türkischen Grenze – nach Athen zurückehren durfte. Es war auch das Jahr, während dem er zum ersten Mal mit seiner geliebten Myrto frei zusammen sein konnte: ihre Hochzeit sollte 1953 stattfinden.

Das Jahr 1952 im Leben von Theodorakis


Ein anderer Faktor ist, dass Theodorakis genau zu diesem Zeitpunkt anfing, am Ballett "Karneval" (Elliniki Apokreas) zu arbeiten, einem Auftragswerk des "hellenischen Chorodramas“.

Diese Erklärung von Theodorakis wird durch die Tatsache verstärkt, dass sein erstes Ballett im März 1953 am Opernhaus in Rom aufgeführt werden sollte und er also viel Arbeit vor sich hatte.

Zwischen den beiden Kompositionen "Karneval" und "Helikon" aber besteht eine enge Verbindung, und es ist das Bewusstsein, so viele Leiden und Entbehrungen überwunden zu haben, das erklärt, warum beide Werke eine neue, eine glückliche Geisteshaltung des Komponisten reflektieren.

Angespornt durch das Aroma der populären Lieds, legte Theodorakis eine "Pause“ zwischen die dramatischen Kompositionen dieser Periode (Erste Symphonie) und die der ersten Pariser Periode (1954-1959) ein, in denen die Gefühle und Gedanken vorherrschten, die durch den Bürgerkrieg bestimmt waren.

Als Theodorakis seine Heimat im Herbst 1954 verließ, um am Pariser Konservatorium zu studieren, vergaß er daher anscheinend, das Manuskript von "Helikon" mitzunehmen, um es dort fertig zu stellen, und er fand es erst in seinem Büro wieder, als er für die Aufnahme von "Epitaphios" 1960 nach Athen zurückkehrte. Theodorakis erinnert sich noch genau an den Tag, als er während eines Besuches seines Freundes, des Dichters Tassos Livaditis, das Klavierkonzert spielte. Dieser begann – mit Mikis’ Erlaubnis –, Verse zur Melodie des zweiten Satzes zu schreiben. Das Ergebnis war "Mutter und Jungfrau", und beide wandelten es später während ihrer fruchtbaren Zusammenarbeit in ein populäres Lied um.

Der erste Satz


Der Stil des ersten Satzes des Klavierkonzerts "Helikon" kann man als sehr spielbar, übermütig und gelegentlich sarkastisch bezeichnen. In Wahrheit sind die wenigen Fragmente von Themen griechischer Volksmusik, die allerdings charakteristisch genug sind, um ihre Präsenz zu unterstreichen, nur eine Anregung für den Komponisten, seine Phantasie zu erweitern und in musikalische Kommentaren auszudrücken, die uns durch ihre Frische, Originalität und Brillanz überraschen. Zugleich ist schwierig zu verstehen, wie er – von allem Gesichtspunkten her: Harmonie, Kontrapunkt, Klaviersatz und Orchestrierung, usw. –, derart verwegen und progressiv sein konnte in einem Alter, wo er die Musik seiner Zeit (Stravinsky, Bartók, usw.) noch nicht einmal kannte.

Im Gesamtwerk von Theodorakis ist "Helikon" wirklich ein Wunder, – ein Wunder, dessen Wert und Bedeutung der Komponist sich anscheinend selbst nicht bewusst war. In der Tat: In den Kopf der Partitur setzte er das Wort "Skizze", so als ob er sagen wollte: "Ich bin mir nicht sicher über das Ergebnis".

In Wahrheit aber ist "Helikon" der Höhepunkt einer fruchtbaren Entwicklung im Bereich der Kammermusik und der symphonischen Musik von Theodorakis. Von 1945 bis zu "Helikon" komponierte dieser eine Reihe symphonischer Werke, in denen er seine musikalische Phantasie und seine Technik entwickelte. Nur diese können die Vollkommenheit einer Komposition erklären, die ihn – bereits zu diesem frühen Zeitpunkt – unter die führenden Komponisten seiner Zeit einreiht.

"Helikon" ist ein erster Versuch von Theodorakis, populäre Melodien in einem symphonischen Werk zu verwenden, und er scheint sich selbst auf den Arm zu nehmen, indem er dies tut.

Ist dem aber wirklich so? Vergessen wir nicht, dass im selben Jahr, als Theodorakis "Helikon" (1952) komponierte, er einen Artikel schrieb, in dem er sich dagegen aussprach, das populäre griechische Lied als einen Träger des symphonischen Aufbaus zu verwenden … eine Meinung, der er später selbst widersprach, besonders durch "Karneval" und "Zorba" (1988). Zudem: Was tut er denn anderes im zweiten Satz des Konzerts, wo der "populäre" und der symphonische Theodorakis zum ersten Mal eins werden?

Der zweite Satz


Aber, während der Komponist im ersten Satz populäre Melodien fast als Fremdkörper ansieht und durch den Übermut, sogar den Sarkasmus der erzeugten Stimmung eine Distanz zu ihnen schafft und so eine Art Dialog herstellt, der ihn zu seinem symphonischen Selbst zurückführt, so ist dies im zweiten und letzten Satz des Konzerts nicht der Fall.

Hier greift er nicht nur völlig auf das neue melodische Material zurück, sondern er identifiziert sich mit ihm. Die ausgedehnte Melodie, die von Klavier vorgestellt wird, ist, so könnte man sagen, sein erstes populäres Lied, – geschrieben acht Jahre vor seinem völligen Hinorientierung zum "populären Kunstlied" und zum griechischen Lied.

Im Herbst 1960, zum Zeitpunkt, als Theodorakis den zweiten Satz von Helikon am Klavier wieder entdeckte, besuchte ihn, wie bereits erwähnt, ziemlich zufällig Tassos Livaditis und schrieb seine Verse zu dessen Melodie. Das sollte danach der Komponist zum wirklich populären Lied, statt zum künstlerischen Volkslied, führen, jener Musik, die sofort bei Millionen seiner Landsleute auf Anerkennung stieß.

Dieses Lied war "Mutter und Jungfrau", das gemeinsam mit dem legendären "Drapetsona" beliebt wurde.

Unserer Meinung nach stellt "Helikon" die musikästhetische Krönung jener Zeit dar, in der das Konzert geschrieben wurde (die Dekade der fünfziger Jahre). Möglicherweise gehört es sogar zu deren progressivsten musikalischen Archetypen, und es ist somit schade, dass es damals nicht an die musikalische Öffentlichkeit kam. Das ist ebenso schade für die zeitgenössische Musik wie für Theodorakis selbst, der sich damals nicht traute, es vorzustellen oder zu fördern, sondern es im Gegenteil versteckte, bis er es selbst vergaß.

Gründe für das "Vergessen"


Warum? Wir können nach Gründen nur im verwirrten und widersprüchlichen Musikleben Griechenlands nach dem Bürgerkrieg suchen, als der Komponist wie ein Meteorit in Athen landete mit seinen erstaunlichen Musikschöpfungen, die in eine völlige Leere zu fallen schienen,.

Einerseits drückten die Arbeiten der nationalen Komponistenschule nicht seine musikalischen Ideen aus, andererseits gab es die Zwölftonschule, die ihn abstieß, und schließlich entdeckte er überrascht die Ästhetik des "hellenischen Chorodramas", das die Rembetika des Malers Tsarouchis und von Hadjidakis verwendet.

Diese hatten die Akzeptanz der Athener Kreise der Schriftsteller und anderer führender Intellektueller gefunden, die nach einem reinen modernen griechischen Prototyp suchten, fußend auf der lebendigen populären Tradition des Rembetiko, des Karaghiozis-Marionettentheaters und im allgemeinen der einfachen Ästhetik der Marginalen, die rein und unverändert den Sturm des Bürgerkrieges überlebt hatte. Zu der Zeit gab es in bestimmten Kreisen, ein große Ablehnung gegenüber allem, was mit Ideologie, Opfer, Visionen und Erinnerung an verlorene Kämpfe belastet war. Und natürlich gab es auch eine Ablehnung der Werke und der Schöpfer, die dadurch inspiriert wurden.

Einer von ihnen war Mikis Theodorakis, und so kam es, dass die Krönungen seines damaligen Musikschaffens, wie "Helikon", "Themen und Zyklen", "Elegie und Klage", "Symphonie in drei Sätzen", buchstäblich bis zum heutigen Tage in den musikalischen Archiven der Bibliothek des Athener Konzertsaals begraben liegen.

© Guy Wagner, 2006, nach © Andreas Brandes, 2004





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