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"Vom Sterben der Mythen, Götter und Menschen"





Theodorakis, ein Makronissos-Opfer
Anfang 1949, kurz vor dem Ende des griechischen Bürgerkriegs, erreicht die amerikanische Hilfe für die griechische Regierung ihren Höhepunkt.

Die staatstragende Nationale Armee wird vollständig modernisiert. Die Luftwaffe spielt eine immer entscheidendere Rolle bei den Angriffen der Regierungstruppen. Die Wälder und Operationsgebiete der Partisanen werden mit Napalmbomben eingeäschert. Taktik der verbrannten Erde. Die Dörfer bluten aus und damit das Hinterland der Partisanen. Die Bauern aus den umkämpften Gegenden werden nach Makronissos oder in andere Lager verschleppt. In den Gefängnissen befinden sich über 50.000 Menschen. Von den 20.000 zum Tode Verurteilten werden etwa 16.000 hingerichtet. Zehntausend Verbannte leben auf den Inseln Ikaria, Limnos, Ai-Stratis, 4.500 Frauen im Lager Trikeri auf Chios und bis zu 100.000 werden auf Makronissos gefangengehalten. Die Partisanengruppen auf den Inseln Kreta, Kefalonia, Ikaria, Samos, ja sogar auf der Peloponnes, machen eine schwere Zeit durch. Aber die Entscheidung fällt an der Hauptfront, wo sich besonders zwei Faktoren negativ für die Partisanen auswirken: Sie verfügen über keine Reserven, und Jugoslawien schließt seine Grenzen zu Griechenland.

Die von der Regierung und den Engländern aufgebaute Nationale Armee hat zur selben Zeit etwa folgende Struktur: 50% der Soldaten sind politisch neutral, 40% sind Linke und nur 10% echte “Nationalisten”. Die Linken werden von den Herrschenden in drei Kategorien eingeteilt: die leichten Fälle, die an die Front müssen, die schwierigeren, die unter ständiger Kontrolle stehen und denen man Aufgaben in der Etappe zuteilt, und die "Hundertprozentigen", die nach Makronissos zum "Abfärben" geschickt werden.

Das "Abfärben" bestand in Einzel- und Massenfolterungen, Zwangsarbeit, Durststrafen, moralischen und psychischen Erpressungen. Wenn jemand "zerbrach" - also die Reueerklärung unterschrieb -, mußte er, um die "Echtheit" seiner Reue zu beweisen, seinerseits zum Folterer werden. So kam es zur erstaunlichen Situation, daß die meisten "Prügler", wie sie genannt wurden, ehemalige Häftlinge waren.

Das "Abfärben" wurde systematisch betrieben: Verleugnung der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei; Bekehrungs-Briefe an die Bewohner der Heimatgemeinde; Briefe an Unbekannte, deren Adressen dem Telefonbuch entnommen wurden; Reden während der "Stunde zur nationalen Erziehung" um 11 Uhr vormittags vor der ganzen Abteilung; Teilnahme an Pogromen gegen die uneinsichtigen Gefangenen; Teilnahme an Prügelaktionen und Folterungen. Für all diese Aktivitäten gab es ein Heft, in das der Verantwortliche die genaue Anzahl der Briefe, der Reden, Folterungen usw. eintrug. Der Kommandant der Abteilung gab persönlich die Erlaubnis zum ersten Athen-Urlaub - die höchste "Anerkennung" für einen Gefangenen. Der Kommandant sah ihn von oben bis unten an, kontrollierte bedächtig dessen Heft und sagte: "Nur dreimal geprügelt, und du willst schon nach Athen? Mach fünfmal daraus und komm wieder." Er mußte also noch zweimal prügeln, der beaufsichtigende Gendarm trug das, mit Kommentaren versehen, in sein Heft ein, und dann bekam der Gefangene den ersehnten Urlaub. Dieser "Abfärbe-Prozeß" dauerte Monate. Wenn ein Gefangener ihn hinter sich hatte, erhielt er eine Waffe und mußte Manöver mitmachen. Wenn auch dort alles nach Plan lief, wurde er in die Fronttruppe von Makronissos aufgenommen. Weil viele Linke dies alles erduldeten, um den Folterungen zu entgehen und später an der Front überzulaufen, war die Lagerleitung wachsam. Abgesehen von Spitzeln unter den Soldaten, bewachten Gendarmen während der Schlacht die ehemaligen Gefangenen. Und wenn diese daneben schossen oder zu fliehen versuchten, wurden sie sofort niedergeschossen. Weil die Soldaten das wußten, kämpften sie verbissen und mordeten mit großem Eifer ihre eigenen Kameraden. Vielleicht dachten sie immer wieder nur daran, Vertrauen zu erringen, um leichter überlaufen zu können. Tatsächlich liefen Hunderte von ehemaligen Makronissos-Häftlingen zu den Partisanen über. Aber es war ein verschwindend kleiner Teil. Denn neben der Furcht vor den Gendarmen wurden die Soldaten beim Töten mit der Zeit fanatisch: In der ersten Zeit ekelst du dich vor dir selbst, weil sich diese Philosophie des Das-Ziel-heiligt-die-Mittel so verselbständigt hat. Du wirst also zum Mörder, um dich anschließend auf die Seite deiner Opfer zu schlagen? Aber was kannst du schon dafür? Schuld bist nicht du, schuld sind die anderen, die Führung deiner Partei mit ihren Fehlern. Also, töte auch du, daß dieser dreckige Krieg zu Ende geht, daß der Aufruhr ein Ende hat und du nach Hause gehen kannst.

Es gab das Gerücht, daß Gefangene der Ersten Abteilung von Makronissos einen illegalen Sender besäßen, über den sie die Namen derjenigen erfuhren, die zu den Partisanen hatten überlaufen können. Gehörte auch das vielleicht zum Spiel der Lagerleitung? Um die noch Unentschiedenen zum ersten Schritt zu bewegen, sie davon zu überzeugen, daß auch sie zu den Partisanen der Demokratischen Armee überlaufen könnten. Dafür müßten sie allerdings etwas tun, nämlich die Reueerklärung unterschreiben, schlagen, foltern, ein Gewehr nehmen und dann zu den ihren überlaufen ... Alles war genau durchdacht.

Die Lagerspezialisten kombinierten körperliche und psychische Gewalt. Totale Verzweiflung und das Wecken von Hoffnung. Die Wahl fiel nicht zufällig auf diese Insel. Kein Tropfen Wasser, ausgedörrte Erde, übersät mit Menschenknochen, das feindliche und aufgewühlte Meer vor Attika. Ein Meer-Stacheldraht. Dann das Leben in Zehn-Mann-Zelten, in die sie dreißig Gefangene pferchten. Wassermangel, das wenige und miserable Essen, der Wind, der die rote Erde aufwirbelte, die Zwangsarbeit unter greller Sonne. Und schließlich die unerträglichen Strafen. Die Stacheldraht-"Zelle" im Freien, in der man tagelang ohne Wasser der Sonne ausgesetzt war. Die Pogrome, ausgeführt von Hunderten von Wächtern mit Bambusstöcken. Und natürlich alle klassischen Foltermethoden: Schlagen auf die Sohle, Zigarettenausdrücken und Einbrennen von heißen Eisen in die Haut, Fingerbrechen mit Eisen oder Stein und alle nur möglichen Mißhandlungen der Genitalien und des Afters.

So breitete sich das Gefühl der absoluten Einsamkeit aus: Du bist allein, ausgeliefert der Ungnade der entfesselten Elemente der Natur und des Menschen. Keiner kann dir helfen. Auf Makronissos starben Mythen und Götter. Es starb auch das Wesen, das du Mensch genannt hattest. Du warst zu einem Wurm und die anderen über dir zu Ungeheuern verkommen. Die Erde speit dich aus, das Meer ohrfeigt dich, der Himmel spuckt auf dich herunter. Der Genosse von gestern ist heute dein Folterer. Er schlägt dich und schreit: "Warum gibst du nicht auf, du Wichser? Willst besser sein als ich? Aber ich krieg dich schon klein!" Denn für einen, der aufgegeben hat, ist einer, der standhaft bleibt, die Personifizierung seines Verrats. Er verspürt ein inneres Bedürfnis, ihn zum Aufgeben zu zwingen. Damit kein Spiegel mehr da ist, ihm seinen Kompromiß zu offenbaren. Hinzu kam das ganze Theater, das die Regierung auf Kosten der Gefangenen inszenierte. Denn das "Umerziehungslager Makronissos" wurde, wie andere Verbannungslager auch, von den Offiziellen als das "Becken von Siloam", die "Schule des Genos", der "moderne Parthenon" bezeichnet und rege besucht. Von Königin Friederike vor allem, verschiedenen Minister bis hin zu ausländischen Journalisten und einheimischen "Persönlichkeiten". Die Wege und das Sanatorium wurden gekalkt. Anschließend legten sich Gendarmen ins Sanatorium und spielten die kranken Gefangenen. Die Zelte mußten gesäubert werden, die Lagerfront wurde hergerichtet. Und dahinter Dreck und Hunger, Gefolterte, Verkrüppelte und Tote. Es gab nicht die geringste Chance, daß dein Martyrium bekannt wird: Du bist isoliert, verurteilt, für immer verloren. Du bist allein, der Gnade deiner erbarmungslosen Folterer ausgeliefert. Da drehst du durch. Irgendeine Schraube in deinem Gehirn oder Nervensystem lockert sich, ein Riemen reißt, und dein Kopf oder deine Hand geraten dir aus der Kontrolle. Der Verrückte von Makronissos ist für gewöhnlich ein willenloses Geschöpf mit einem Tick. Ein Geschöpf, das sich in lichten Momenten seiner Lage bewußt wird, was anschließend den spastischen Mechanismus nur intensiver auslöst. Noch heute gibt es Menschen, die Tabletten nehmen, um nicht wieder vom Makronissos-Syndrom überwältigt zu werden.

Auch wenn die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, setzt sich die wahre Geschichte mit der Zeit durch. Vierzig Jahre lang war die Wahrheit in unserem Land einseitig. Der elementare und spontane Schmerz hilft uns ein Gleichgewicht herzustellen, sowohl hinsichtlich der Prioritäten als auch der Verantwortlichkeiten. Es ist nicht meine Absicht, mit meinen Erinnerungen alte Wunden aufzureißen, auch nicht uralten Haß neu zu schüren. Wir alle müssen, denke ich, angesichts der Leiden unseres Volkes bescheiden werden. Und uns nicht in die Brust werfen und ausrufen: "Wir haben die Nation gerettet!" oder: "Wir sind die Nation!" Ich berichte nur über die Ereignisse, so, wie ich sie erlebt habe, und die mich zu dem gemacht haben, der ich geworden bin.


© Mikis Theodorakis - Übersetzt von Asteris Kutulas








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