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Lieder des Andreas - Gedichte




I.

DU BIST GRIECHE
ΕΙΣΑΙ ΕΛΛΗΝΑΣ

Das, was du einmal warst, wirst du einst wieder sein.
Du musst es werden, musst weinen,
damit deine Erniedrigung total ist,
damit die Unterwerfung bis an die Wurzeln der Berge reicht.
Du bist Grieche. Grieche bist du.
Du trinkst den Verrat mit der Milch.
Du trinkst den Verrat mit dem Wein.
Deine Erniedrigung muss vollständig werden,
du musst sehen, du musst werden,
was du einmal warst, wieder werden wirst.


II.
WIR SIND ZWEI
ΕΙΜΑΣΤΕ ΔΥΟ


Wir sind zwei
die Uhr schlug acht
mach aus das Licht, der Wächter schlägt
am Abend kommen sie wieder.
Einer vor - einer vor
und die andern folgen nach
mit der Stille und es folgt
dasselbe, das alte Lied.
Es schlagen zwei - es schlagen drei
tausendunddreizehn schlagen
du schmerzst, ich schmerze
doch wer schmerzt am meisten
es kommt die Zeit, die uns das sagen wird.
Wir sind zwei - wir sind drei
wir sind tausendunddreizehn
wir reiten gleichsam auf der Zeit
mit der Zeit, mit dem Regen
in der Wunde gerinnt das Blut
und zum Nagel wird der Schmerz.
Der Rächer, Erlöser
Zwei sind wir, sind drei
wir sind tausendunddreizehn.


III.
ZEIT ZU SEHEN
ΚΑΙΡΟΣ ΝΑ ΔΕΙΣ


Sie erzählten dir viele Lügen,
und morgen wirst du wieder Lügen hören.
Lügen erzählen dir deine Feinde,
aber auch die Freunde
verschweigen dir die Wahrheit.
Falschen Ruhm flößen die Lügner dir ein,
aber auch die Freunde
betäuben mit falschen Wahrheiten dich.
Wohin gehst du mit falschen Träumen, wohin?
Es ist Zeit stehen zu bleiben, Zeit zu singen,
Zeit zu weinen und zu leiden, Zeit zu sehn.


IV.
DAS SCHLACHTHAUS
ΤΟ ΣΦΑΓΕΙΟ


Sie prügeln im Büro am Mittag,
ich zähl die Schläge,
das Blut rechne ich auf.
Ein Stück Mastvieh bin ich,
sie sperrten mich ins Schlachthaus,
heute dich, morgen mich.
Auf der Terrasse prügeln sie abends Andreas
ich zähl die Schläge, den Schmerz rechne ich auf.
Und dann bringt die Wand uns wieder zusammen,
poch-poch du, poch-poch ich,
was in dieser Sprache ohne Worte heißt:
ich halte durch, halte aus.
Die Feier beginnt in unserm Herzen,
poch-poch du, poch-poch ich.
Nach Thymian duftet unser Schlachthaus
und unsre Zelle nach Himmelsrot.


Mikis Theodorakis. Neue Übertragung ins Deutsche von Ina und Asteris Koutoulas, in: Mikis Theodorakis: Gedichte - Poèmes, 2001





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