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Arkadia VIII - Entstehung





Manolis Anagnostakis - Photo: Stelios Skopelitis
29. Juli 1969

Heute habe ich Geburtstag.

Gegenwärtig hält man mich den ganzen Tag im Haus gefangen. Einziger Ausgang: von elf Uhr bis Mittag, zwecks Unterschrift auf dem Polizeiposten. Am Abend setzen Myrto und ich uns auf den Balkon. Uns gegenüber, auf ihrem Balkon, strickt Frau Marigo. Rechts von uns, auf ihrem Balkon, strickt Frau Fotini. Diese beiden alten Nachbarinnen können sich nicht ausstehen und haben sich schon lange vor unserer Ankunft überworfen. Wir sind Zeugen ihrer unversöhnlichen Feindschaft. Wir hören sie gegenseitig die Hühner zurückrufen, sobald diese die (selbstverständlich unsichtbare) Demarkationslinie überschreiten, die ihren Anteil an öffentlichem Territorium auf dem Platz abgrenzt.

Zwischen ihnen und uns die Bewacher. Leute spazieren über den Platz und durch die Straße, welche die "Promenade" bildet, eine ganz bestimmte Strecke, wie man sie in allen Städten Griechenlands findet und wo sich sämtliche Einwohner am Ende des Nachmittags begegnen.

Die jüngsten unter den Wächtern bitten mich, ich solle ihnen mein Lied von "Charis" singen, dem im Zweiten Weltkrieg gefallenen Partisanen.

Ich tue es und erkläre ihnen nachher:

"Charis ist nicht tot, denn wir brauchen ihn noch. Wir in diesem Haus, in dem wir eingesperrt und belagert sind. Ihr im Dorf, in dem ihr eingesperrt und belagert seid. Ganz Griechenland, das von militärischen Befehlen umgeben und belagert ist."

"Wir sitzen alle im gleichen Boot", rufen sie.

Noch ehe "Der Überlebende" nach dem Gedicht von Sinopoulos ganz fertig war, hatte ich angefangen, zwei Gedichte von Manolis Anagnostakis, "Charis" und "Ich spreche", zu vertonen. Ich habe diese Zusammenarbeit schon seit vielen Jahren geplant! Jetzt ist der Zeitpunkt dafür gekommen.

Ich spiele meine neue Komposition - Arkadia VIII - einem kürzlich eingetroffenen Unteroffizier vor. Es ist ein älterer Mann. Die Musik macht ihn gesprächig.

"Wenn man bedenkt, dass ich dir während des ganzen Bürgerkriegs nachgestellt habe, um dich zu töten, und dass ich dich heute bewachen muss und dir nicht einmal dann von den Fersen weichen darf, wenn du auf die Toilette gehst. Jetzt, nachdem ich dich kenne, empört esmich, dass ich dich wie ein Untier behandeln muss."

Ich biete ihm ein Glas Branntwein an. Tief bewegt hört er der Musik zu. Nachdem ich mein Spiel beendet habe, umarmt er mich und erklärt mit lauter Stimme, unbekümmert um die anderen Wächter:

"Wie darf man es in diesem Land bloß wagen, dich einzusperren, nachdem du unsere Herzen zum Schwingen bringst."

Dann geht er auf den Polizeiposten und verlangt seinen Chef zu sprechen, um ihm Bericht zu erstatten.

"Ich habe bei Mikis Wache gehalten", erzählt er. "Er hat mir auf dem Klavier vorgespielt. Ich kann nicht länger an diesem Posten bleiben."

Er wird für einen Monat unter scharfen Arrest gestellt. Er hat Frau und Kind.

Unteroffiziere und Gendarmen kommen zu mir in die Wohnung, um mich spielen und singen zu hören. Ich sehe oft, dass sie ergriffen sind. Die Einwohner wiederum lassen mir mitteilen:

"Öffne das Fenster, wenn du spielst. Wir sitzen im Garten und warten auf deine Musik."

Ich mache also meine Fenster weit auf und singe.


© Mikis Theodorakis: Mein Leben für die Freiheit





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