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Wie Mikis Theodorakis nach Makronissos zurückkehrte




Schauplatz Griechenland
Steine, Stürme, Strafbataillone
Wie Mikis Theodorakis nach Makronissos zurückkehrte

«Als wir uns der Mole näherten, sah ich den Schatten der Insel. Bedrohlich. Wie eine satte Schlange, die sich ins Meer gelegt hatte, um die Opfer des Tages zu verdauen.» Nach einer kurzen Genesungspause im Militärkrankenhaus, die man ihm gegönnt hatte, weil ihm während der Folter beide Beine gebrochen worden waren, kehrt der junge Komponist Mikis Theodorakis im Frühjahr 1949 auf die Insel Makronissos zurück. Hinter ihm liegen bereits zwei Jahre in der Verbannung und die bange Frage, was ihn jetzt erwartet.

«Steinerne Jahre» nennt man in Griechenland die Zeit, die auf die Besatzung folgte. Am Anfang des Bürgerkrieges, in dem sich die Monarchofaschisten und die linke Volksfront in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden, erliess die damalige rechte Regierung eine Reihe von Notmassnahmen, um die Linke vom öffentlichen Leben auszuschliessen. Dazu gehörten die Einrichtung von «Umerziehungslagern» für solche, die nicht «national» dachten, und die Entziehung der Staatsbürgerschaft. Die «ausserordentlichen Massnahmen» waren juristisch hochproblematisch, denn sie standen nicht in Einklang mit der Verfassung. Sie wurden erst im Nachhinein, im Jahr 1949, legalisiert. Heute ist der Name «Makronissos» zu einem Synonym für jene gewalttätigen Jahre geworden, und er teilt das Land in solche, die vergessen möchten, und die Mahner.

Landschaft, hart wie Schweigen

Viele fragten sich deshalb am Ende des vergangenen Sommers, warum Mikis Theodorakis unbedingt ein Konzert auf der ehemaligen Verbannungsinsel geben müsse. Makronissos ist ein felsiger, wasserloser Ort, 14 Seemeilen vor der attischen Küste gelegen, im Sommer glühend heiss, im Winter eiskalt und sturmumtost. Zwischen dem gegenüberliegenden Küstenort Lavrio und der Verbannungsinsel kreuzen Jachten und Segelschiffe, die in ihrer Unbefangenheit daran erinnern, dass Makronissos endgültig der Geschichte angehört. Damit mag sich der grosse alte Musiker, der selbst schwer von Verbannung und Folter stigmatisiert wurde, nicht abfinden. Für viele ist er ein Quälgeist geworden, der die Vergangenheit immer wieder wachruft. Griechenland bereitet sich auf die Olympiade im nächsten Sommer vor, ist geschäftig, die neuen Bauvorhaben sind zu Ende zu bringen, man hat ganz andere Sorgen . . .

Warum also ein Konzert auf Makronissos? - «Diese Landschaft ist hart wie das Schweigen. / Sie presst die Zähne zusammen / Es gibt kein Wasser, nur Licht. / Der Weg verliert sich im Licht, und der Schatten der Mauer ist wie aus Eisen.» Diese Zeilen aus einem Gedicht von Jannis Ritsos beschwören die Atmosphäre der Verbannung. Sie sind so oft gesungen worden, dass sie sich in die Gene der Griechen eingebrannt haben. «Ich habe meine Vertonungen der Gedichte von Ritsos auf der ganzen Welt aufgeführt, aber niemals hier, wo er gefoltert wurde», sagt Theodorakis. Das Konzert soll auch an den ehemaligen Freund und Weggefährten erinnern, der 1990 im Alter von 81 Jahren starb.

Als die sozialistische Partei, die Pasok, 1981 an die Macht kam, trug sie sich mit dem Gedanken, Verbannungsinseln wie Makronissos, Leros, Limnos und Aji-Strati in Gedenkstätten umzuwandeln. Der ehemalige Minister und Bürgermeister von Athen, Antonis Tritsis, der diesen Vorschlag vertrat, ist inzwischen gestorben und mit ihm auch seine Initiative, dem Ort, an dem so viele zu Tode gequält wurden, eine würdige Gestalt zu geben. Den Vorschlag zu einem Konzert auf Makronissos griff deshalb der Minister für die Angelegenheiten der Ägäis, Nikos Sifounakis, gerne auf, wohl wissend, dass die sozialistische Regierung hier in der Pflicht war. Wie aber bringt man Tausende von Menschen auf eine öde Insel ohne jegliche Infrastruktur, und wie organisiert man dort ein Konzert? Wer die Liebe der Griechen zur Improvisation und ihre Fähigkeit kennt, das Unmögliche in letzter Minute möglich zu machen, wunderte sich deshalb nicht, als in den Medien genaue Anweisungen zum Besuch von Makronissos erfolgten sowie die Mitteilung, dass an drei aufeinander folgenden Abenden, von Freitag bis Sonntag, Konzerte stattfinden würden.

Hunderte von Besuchern haben sich am Nachmittag vor dem ersten Konzert in dem verschlafenen Hafenstädtchen Lavrio eingefunden. Pünktlich um fünf Uhr legt das erste Fährschiff ab, das die «Gäste» kostenlos nach Makronissos bringt. An diesem sonnenüberglänzten Herbsttag, der die Ägäis in ein sattes, warmes Licht taucht, überfallen den Besucher erst spät ambivalente Gefühle. Der erste überwältigende Eindruck, als das Schiff an einer Mole vor der Insel anlegt, sind Steine und Geröll, so weit das Auge reicht, und zerstörte Kasernen und Gebäude, denn ab 1960 verliess man Makronissos. Hier war das berüchtigte 1. Strafbataillon, von wo aus die Verbannten ihren Abteilungen zugewiesen wurden. Busse warten und fahren auf holprigen Wegen zum Armeetheater beim 2. Strafbataillon, wo das Konzert stattfinden wird. Viele Besucher sind ehemalige Häftlinge, die ihren Verwandten diesen Ort zeigen möchten. Eine Frau mittleren Alters, die in ihrem eng anliegenden blauen Kleid schwitzt, setzt sich, nachdem sie ausgestiegen ist, auf einen Felsen und wischt sich die Stirn: «Mein Vater war ein Jahr hier, er wurde gefoltert und später auf Korfu erschossen. Ich traue mich nicht, den Boden zu betreten, dann trete ich auf seine Tränen.»

Makronissos war ein Ort der ideologischen «Tiefenreinigung», an den man verdächtige Linke deportierte. Gefangene, die die berühmte «Reueerklärung» nicht unterschrieben, wurden mit Psychoterror und Folter so lange unter Druck gesetzt, bis sie seelisch zerbrachen oder körperliche Wracks wurden. Sie lebten Sommer wie Winter in Zelten und waren Hitze, Kälte und Sturm ausgesetzt, dazu kamen Hunger und Durst. Einsatzkommandos von Folterern übernahmen die «nationale Umerziehung» der Verbannten, die von einer Orgie der Gewalt und Willkür begleitet wurde. Rechte Politiker nannten Makronissos den «neuen Parthenon.» Der damalige Minister Panayotis Kanellopoulos sagte, diejenigen, die in Makronissos gewesen seien, seien «zweifache Griechen», zum einen wegen ihrer Geburt, zum anderen wegen ihrer neuen nationalen Initiierung.

«Es geht mir gut»

Unterhalb des Theaters ist in einem klimatisierten Zelt eine Ausstellung zu Makronissos aufgebaut worden. Bauern von den Nachbarinseln verkaufen Honig und Thymian, bieten Wasser und Getränke an. Auf dem Weg hoch zum Theater berichtet Antonis Polymeris über die Jahre in der Verbannung. Sein Sohn Nikos bekam als Kind Briefe vom Vater vorgelesen, in denen stand: «Es geht mir gut.» Nach seiner Rückkehr aber weinte der Vater im Schlaf, jahrelang. Nikos Polymeris sagt: «Ich wollte mit meinem Vater diesen Ort besuchen, der ihn niemals losgelassen hat.»

Der Weg ist steinig, schlecht begehbar, man hat rechts und links Schwefel gestreut, um Schlangen fernzuhalten. Riesige Macchiabüsche überwuchern die Landschaft. Das kleine Amphitheater, oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist, hat sich schnell gefüllt. Die vorderen Reihen sind für die ehemaligen Verbannten reserviert; als es dunkel wird, werden hastig Plasticstühle herbeigeschafft. Nach knapp drei Stunden ist das Konzert vorbei, es gibt keine Zugabe, und die Lichter erlöschen. Sehr ruhig und rücksichtsvoll verlassen die annähernd 5000 Besucher ihre Plätze und warten geduldig bis in den frühen Morgen, bis Busse und Schiffe sie nach Lavrio zurückbringen. Man sah auch Prominente wie den beliebten Aussenminister Giorgios Papandreou mit seiner Frau. Sie verlassen das Theater diskret und ohne Aufsehen. Es habe, so hört man, schon bessere Konzerte mit begabteren Interpreten gegeben, aber das sei nicht wichtig. Es sei auch nicht schlimm, dass Mikis Theodorakis nur am Schluss aufgetreten sei und mit zitternder Stimme das Lied «Beweine nicht das Griechentum» gesungen habe.

Während der langen Wartezeit, in der die Passagiere zurück zum Hafen transportiert werden, sagt eine alte Dame aus Athen, die früher Schneiderin war: «Endlich war ich hier. Mein Mann hat sechs Jahre auf Makronissos verbracht. Jeden Samstag bin ich mit meinem Sohn nach Lavrio gefahren, um die Insel gegenüber zu betrachten. Heute Abend habe ich verstanden, welche Kraft von diesen Liedern ausgeht . . .» Mikis Theodorakis und Jannis Ritsos überlebten die Verbannung, weil sie zielbewusst gegen die quälende Selbstgefährdung des Gefangenen anarbeiteten. In kleinen Dingen und in einer wilden Blume sahen sie Schönheit. Die tägliche Versicherung, dass Leben möglich ist, nicht nur ein Überleben, gab ihnen ein Gefühl der unangefochtenen Sicherheit, bei sich selbst zu sein. In einem seiner letzten Gedichte hat Jannis Ritsos sein ästhetisches und moralisches Vermächtnis formuliert: «Die Schönheit, niemals verriet ich sie . . .»

Barbara Spengler-Axiopoulos

NZZ, 28.10.2003





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