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Über die Entstehung des »Canto General«





Pablo Neruda im Gespräch mit Myrto Theodorakis (1972)
1964 hatte die Polizei in Athen zum erstenmal Mitglieder der Lambrakis-Jugendorganisation festgenommen und gefoltert.

Das Zentralkomitee der Organisation, deren Vorsitzender ich war, beschloß, daß ich ins Ausland fahren sollte, um gegen den Polizeiterror Protestveranstaltungen zu organisieren.

Unter den Persönlichkeiten, die ich traf, war auch Neruda. Er lebte zu dieser Zeit im Pariser Exil. Wir verabredeten uns in einem kleinen Hotel im Quartier Latin. Ich wartete auf ihn im Foyer, bis er mit seiner Frau aus seinem Zimmer kam und wir uns bekannt machten. Da er ein gutes Französisch sprach, brauchten wir keinen Dolmetscher, so gingen wir zu dritt in ein Cafè. Dort sprach ich mit ihm über die Situation in Griechenland, die uns sehr beunruhigte. Er hatte keine Bedenken und unterschrieb sofort die Protestresolution. Er berichtete mir über die komplizierte Lage in Chile, doch er hoffte, daß sie sich bald ändern würde.

Neruda übermittelte Grüße an seine griechischen Kollegen und freute sich wie ein kleines Kind, als ich ihm sagte, er würde in Griechenland nicht nur von der Intelligenz, sondern auch vom einfachen Volk und besonders von der Jugend geliebt. Er versprach, nach Griechenland zu kommen, nachdem ich ihn eingeladen hatte.

Das war meine erste Begegnung mit Neruda.

Drei Jahre später war die Lage ganz anders. 1967 wurde in Griechenland die Diktatur errichtet. Ich ging zuerst in die Illegalität und bin einige Monate später verhaftet worden. Zu denen, die sich für meine Freilassung einsetzten, gehörte auch Neruda.

In Chile bildete inzwischen die Unidad Popular unter Präsident Allende die Regierung. Neruda wurde zum Botschafter in Frankreich ernannt.

Als ich 1970 freigelassen wurde, bin ich nach Paris geflogen worden.

Ein Jahr später erhielt ich eine schriftliche Einladung von Neruda, Chile zu besuchen und kennenzulernen. Er lud mich als Künstler und als Führer der Patriotischen Front ein, die gegen die Junta arbeitete. Diese Einladung nach Chile gehörte zu der Aktion Wahrheit, die Allende organisierte. Er holte namhafte Künstler, Wissenschaftler und Politiker ins Land, die mit eigenen Augen sehen sollten, was in Chile vollbracht wurde. Wir fuhren also als Zeugen der politischen und sozialen Veränderungen in dieses Land und hatten zudem die Möglichkeit, uns mit den Zielen der Regierung Allende bekannt zu machen.

Kurz vor unserem Abflug erwartete uns Neruda auf dem Flughafen. Er erinnerte sich sofort an mich und sagte mir: "Siehst du, wie sich die Dinge ändern? Wir haben jetzt in Chile Demokratie, sind auf dem Weg zur Volksdemokratie. Jetzt lebst du im Pariser Exil. Fliege nach Chile, sieh dir mein Land an. Wir werden dich wie einen Bruder, wie einen Kameraden aufnehmen. Nach deiner Rückkehr mußt du unbedingt in die Botschaft kommen und mir deine Eindrücke schildern."

Unsere erste Station war Santiago. Chile lebte damals in enger Verbundenheit mit seinem Präsidenten Allende - das traf vor allem auf die Jugend zu, die sehr unruhig war. Die Jugendlichen besaßen einen großen Enthusiasmus und verlangten von der Regierung eine Volksbewaffnung. Allende jedoch sagte uns, als wir ihm diese Frage stellten, daß die Armee nur auf solch einen Vorwand warte, um durch einen Putsch die Macht an sich zu reißen.

"Ich kann dem Volk jetzt noch keine Waffen geben", sagte er, "wir müssen Zeit gewinnen, die Zeit arbeitet für uns. Das einzige, was ich machen kann, ist, die Offiziere davon zu überzeugen, daß wir die besseren Demokraten, die besseren Patrioten sind. Darum habe ich gute Beziehungen zu vielen Offizieren."

In diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen Pinochet. Mit ihm hatte er sogar einen Gesetzesentwurf beraten, der dem Präsidenten das Recht gab, Veränderungen in der Armee vorzunehmen. Und ich glaube, daß der Putsch der Offiziere an dem Tag begann, da Allende dem Parlament dieses wichtige Papier zur Beschlußfassung vorlegen wollte. Ich meine, daß natürlich die Lage auch objektiv sehr schwierig war. Allende hinterließ in mir den Eindruck eines bewußten Patrioten und eines romantischen Revolutionärs.

Das Volk von Chile hat mich stark beeindruckt. Von allen Völkern, die ich kenne, sind uns Griechen die Chilenen am nächsten. Vom Temperament und vom Charakter her. Mit all unseren Schwächen gleichen wir ihnen - aber auch mit unseren starken, positiven Seiten: Enthusiasmus, Glaube, Pathos, Brüderlichkeit. Ich erkannte in Chile sofort meine zweite Heimat.

Es war wohl auch nicht zufällig, daß sich junge chilenische Komponisten dem Volkslied gewidmet hatten - wie ich in Griechenland. Sie wählten, wie ich, dichterische Texte als Grundlage für ihre Kompositionen, um ein neues politisches Lied zu schaffen, das psychisch und politisch der Sensibilität des Volkes entsprechen sollte. Sogar ihre Aufführungspraxis ähnelte der unseren in Griechenland. Wir hatten Boîtes gegründet, wo junge Künstler die Möglichkeit erhielten, mit dem zumeist jugendlichen Publikum in einen Dialog zu treten. Solche Boîtes sah ich auch in Chile. Hier war man einen Schritt weiter: Drei bis vier Komponisten arbeiteten jeweils zusammen und stellten gemeinsame Werke vor.

Ein solches Werk war der Canto General ...

Ich besuchte eine Aufführung in Valparaiso. In einem großen Theater hörte ich den Canto General in einer Version der chilenischen Komponisten. Mein Eindruck war zwiespältig. Mir fiel auf, daß die Komponisten stark mit folkloristischen Elementen arbeiteten, ihre musikalische Tradition verarbeiteten – und doch blieb das Werk intellektuell. Südamerika ist für mich ein Kontinent mit einer sehr reichen musikalischen Tradition indianischer und spanischer Herkunft.

Nach dem Konzert ging ich zu den Komponisten und Musikern und überbrachte ihnen meine Glückwünsche.

Und da passierte es, daß ich ganz plötzlich sagte: "Ich werde auch den Canto General vertonen."

Natürlich war das ein Wunsch, der schon lange in mir keimte. Canto General ist für mich so etwas wie ein Evangelium unserer Zeit. Neruda offenbart darin seine kämpferische Seele. Diese Dichtung erfaßt die geschichtlichen Ereignisse seines Landes mit einer verblüffenden Unmittelbarkeit. Diese Dichtung sollte den Menschen helfen, Krisenzeiten zu überwinden, sie sollte helfen, das Recht auf der Welt durchzusetzen. Neruda stellte sie bewußt in den Dienst der Weltrevolution, der Revolution der Völker für Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie ...

Bei meiner ersten Begegnung mit Allende in seinem Haus auf einem Hügel über Santiago erzählte ich ihm, daß ich den Canto General gehört hatte und diese Dichtung vertonen möchte. Mein Wunsch sei nur, dieses Werk zum erstenmal in Chile aufzuführen.

Allende war sofort von der Idee begeistert und ließ sich seine Ausgabe des Canto bringen. Da ich kein Spanisch verstand, fragte ich, mit welchem Gedicht ich anfangen sollte, und Allende selbst markierte mit einem blauen Stift die Gedichte, die sich seiner Meinung nach besonders dafür eigneten.

Später, als ich Neruda traf, vervollständigte er die Auswahl. An meine Partei ist interessanterweise von Allende angekreuzt worden. Ich werde leben auch. Neruda kreuzte das Gedicht Die große Freude an und den Flüchtling. Neruda sagte: "Das ist mein Leben, und es ist auch dein Leben."

Ich habe natürlich nicht alle Gedichte vertont, denn man kann aus dem Canto General zweihundert Oratorien machen!

Gleich nach meiner Ankunft in Paris, noch bevor ich Neruda traf, komponierte ich die Musik zu drei Teilen des Canto; dazu gehörten Amor America und Vegetaciones.

Wir verbrachten den Sommer 1971 in einem Dorf in Südfrankreich, wo ich innerhalb einer Woche die gesamte Musik schrieb. Ich vertonte 12 Gedichte.

Als wir wieder in Paris waren, beschlossen wir 1972 eine Tournee durch Lateinamerika zu organisieren und mit unserem Volksmusikorchester einige Teile des Canto General vorzustellen. Neruda wußte davon noch nichts.

Als ich wieder einmal in Paris war, bekam ich einen Anruf von Neruda. Er sagte, er wisse von meiner Vertonung und möchte sie gern hören.

Ich hatte vergessen, wo er sich und wo ich mich befand: damals war ich in der ganzen Welt. Ich sagte ihm, er könne am nächsten Tag in unser Studio kommen.

"Wir haben morgen Probe. Kommen Sie, um Ihr Werk zu hören."

Und wirklich, am nächsten Tag, es war im Frühsommer des Jahres 1972, ich erinnere mich, daß die Sonne schien, kam Neruda mit seiner Frau in unser Studio, das wir nahe unserer Pariser Wohnung gemietet hatten. Das Orchester war da, Petros Pandis, Maria Farantouri. Er hörte zum erstenmal sein Werk. Neruda war sehr zufrieden und tiefbewegt, doch sprach er wie immer sehr durchdacht und einfach. Er gab uns viel Mut und zeigte uns seine Liebe.

Am nächsten Tag, Neruda hatte mich zu einem Essen in die Botschaft eingeladen, wollte er die Auswahl der Gedichte abrunden, damit in der Komposition auch eine gewisse Abgeschlossenheit erreicht werden sollte.

Wir setzten uns in die großen Sessel des Empfangszimmers der Botschaft, und Neruda widmete mir eine eigene einbändige Ausgabe des Canto,
nachdem er mit einem grünen Stift die noch zu vertonenden Teile angekreuzt hatte. So hinterließ er mir eine Art Testament.

Inzwischen organiserten wir eine Amerika-Tournee. Zuvor jedoch spielte ich Teile des Canto General auf dem Pressefest der Zeitung Humanité in Paris. Aufgrund eines Versehens konnte Neruda nicht kommen.

Als ich ihn anrief, sagte er mir, daß er sofort nach Chile zurückkehren müsse, weil seine Anwesenheit dort notwendig sei. Wir verabredeten uns für Chile. Später fragte er mich über meinen Impresario in Paris, ob es möglich sei, uns auf unserer Tournee zu begleiten und seine Gedichte selbst zu rezitieren. Ich habe das als spaßig empfunden, daß er mich um die Erlaubnis bat, und ich schrieb ihm einen Brief: Sein Angebot sei für uns alle eine große Ehre und besäße eine gewaltige Bedeutung für die Länder in Lateinamerika, die wir bereisen wollten.

Wir planten für den Sommer 1973 eine Reihe von Konzerten des Canto in Lateinamerika. Ich sollte dirigieren und Neruda rezitieren. Schon der Name Nerudas reichte, den größten Saal von Buenos Aires, den "Luna Park" mit 10.000 Plätzen, für eine ganze Woche zu buchen.

Wir flogen nach Buenos Aires mit der Gewißheit, dort Neruda zu treffen. Ein Mitarbeiter der Chilenischen Botschaft in Argentinien informierte uns gleich nach unserer Ankunft, daß Neruda erkrankt sei.

Wir gaben unser erstes Konzert. Neruda hatte nur einen Wunsch geäußert: Dieses Konzert wenigstens als Bandmitschnitt zu hören. Gleich nach dem Konzert rief ich ihn an. Er befand sich auf der Isla Negra, seine Stimme klang sehr fern.

Ich sagte ihm: "Ihr Werk hat triumphiert. Die Menschen schrien Ihren Namen." Und so war es tatsächlich gewesen.

Er antwortete: "Entschuldige bitte, daß ich nicht kommen konnte." Er sagte das auf französisch. Langsam, so wie er immer sprach. Er glaubte damals, er leide an Rheuma, dabei hatte er Blutkrebs. "Sie haben mir nicht erlaubt zu kommen. Ich verspreche dir aber, nächste Woche, wenn dein Konzert im Stadion von Santiago stattfindet, werde ich anwesend sein und aus dem Canto General vortragen."

Die nächste Station nach Buenos Aires sollte Chile sein. Kurz vor unserer geplanten Reise nach Santiago ging ich in die Chilenische Botschaft und überbrachte die Tonbänder für Neruda. Dort erhielt ich jene Nachricht vom Sekretär Allendes, der uns bitten ließ, nicht nach Chile zu kommen.

Ich rief ihn an, und er sagte mir: "Wir haben hier einige Probleme, wir hoffen, bald damit fertig zu werden. Die Zeit ist nicht günstig für solche Aufführungen. Fahre zuerst in ein anderes Land - und wenn wir hier die Probleme gelöst haben, komm anschließend auch hierher. " Er sagte mir damals am Telefon nicht, welche Probleme das waren.

Wir fuhren nach Venezuela. In Caracas erfuhren wir die Nachricht vom Putsch, vom Tode Allendes, vom Tode Tausender Patrioten. Wir machten uns Sorgen um Neruda.

Die nächste Station unserer Reise war Mexiko, und dort traf uns die Nachricht vom Tod Nerudas. Es war eine der größten Tragödien für die Menschheit und für Chile und für mich. Das fühlte ich damals. Die Kommunisten und die anderen progressiven Kräfte in Mexiko organisierten eine große Veranstaltung, an der über eine halbe Million Menschen teilnahmen. Ein zwanzig Kilometer langer Zug.

Ich hatte die große Ehre, diesen Zug mit anführen zu dürfen und eine Rede zu halten. Anschließend wurde der Canto General in der Nationaloper Mexikos aufgeführt – jetzt Neruda, Allende und Chile gewidmet.

Kurz darauf hatten wir die kleine Genugtuung, den Canto im Kennedy-Center von Washington aufzuführen, wo alle Verantwortlichen für den Putsch in Chile saßen. Das war eine kleine Herausforderung. Seitdem ist der Canto General eine Waffe in unseren Händen, nicht nur für die Befreiung Griechenlands, Chiles, sondern für die Befreiung der ganzen Welt.

Als der Canto General dann in Frankreich vorgestellt werden sollte, beschloß ich, ihm die endgültige Gestalt zu geben. Anstelle des Poporchesters ein richtiges Orchester usw. Das entsprach dem Wunsch Allendes, den Canto mit Orchester und Chören in Chile aufzuführen, denn damals gab es ja diese Möglichkeiten.

Wir konnten den Canto nicht in Chile aufführen – das geschah genau 20 Jahre später, im April 1994.

In seiner neuen Gestalt war er bei dem Humanité-Festival zu hören und gleich darauf in Griechenland, wo 1974 die Junta gehen mußte. Wir führten den Canto im Athener Stadion vor 70.000 Zuschauern auf, die die Befreiung von der Juntaherrschaft feierten.

Unsere Gedanken gingen damals nach Chile, zu Neruda.


Übersetzt von © Asteris Kutulas





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