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Gedanken zu Europa




Europa ist eine Realität. Unabhängig von den jetzt und in Zukunft existierenden diesbezüglichen Problemen kann man von der baldigen Formierung eines einheitlichen multinationalen Staates ausgehen. Die geopolitische Situation, neben vielen anderen Faktoren, begünstigt, ja macht mächtige staatliche Gebilde zwingend notwendig.

Indessen wurzelt die Schwäche des heutigen Europa in seiner Stärke, die sich aus der Existenz starker Nationen mit großer geschichtlicher, gesellschaftlicher und kultureller Tradition ergibt. Mich beeindruckt der Fakt, daß auf dem Weg des Einigungsprozesses die Differenzen zwischen den europäischen Nationen zunehmen, statt abzunehmen.

Die Grenzen mögen offen sein und die Bürger Europas sich frei bewegen können, aber ich habe den Eindruck, daß der Kontakt untereinander oberflächlich bleibt. Und er beschränkt sich in der Regel auf ökonomische, wirtschaftliche oder touristische Beziehungen, ohne den kleinsten Versuch, sich gegenseitig besser kennenzulernen, vor allem aber ohne das Bedürfnis, etwas mehr zu geben oder zu nehmen, als was durch die rein beruflichen oder persönlichen Interessen bestimmt wird.

Die Zollgrenzen existieren nicht mehr, aber die kulturellen, nationalen Grenzen sind undurchdringlicher geworden. Jedes Volk, und vor allem zum jetzigen Zeitpunkt der ökonomischen Krise, scheint mir isolierter als früher, bereit, vom andern überhaupt nur das wahr- und anzunehmen, was ihm die kosmopolitischen multinationalen Konzerne der Industrie, Unterhaltung, Kunst und der Massenmedien offerieren. So kann man zwar behaupten, daß es ìEuropaî gibt, jedoch fehlt die Seele Europas. Das gemeinsame Bewußtsein. Und das, weil die Politiker und Wirtschaftsleute - und nur sie - ìEuropaî verkehrtherum, mit dem Kopf nach unten, gebaut haben. Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: Vielleicht ist ìEuropaî heute tatsächlich soetwas wie ein riesiges Hochhaus, das durch Raum und Zeit gleitet, auf der Suche nach seinem Fundament. Das Fundament ist das Volk, wäre also in unserem Falle das ìeuropäische Volkî. Der Widerspruch liegt auf der Hand.

Auf der andern Seite wiegt die Abwesenheit der Bürger, ja selbst der Gewerkschaften und Kommunalpolitiker, bei der Gestaltung des europäischen Einigungsprozesses schwer. Sie führt zu jener gefährlichen nationalistisch geprägten Partikularisierung, die in nicht zu ferner Zeit zur Crux für das vereinte Europa werden kann.

Viele sagen, daß die Kultur das einigende Band für Europa sein kann. Im allgemeinen ist diese Aussage richtig. Einige meinen aber damit eine ìeuropäische Kulturî. Kann es eine einheitliche europäische Kultur geben? Meiner Meinung nach nicht. Im Gegenteil. Die nationalen Kulturen müssen um jeden Preis gefördert und mit allen Mitteln von Land zu Land bekannt gemacht werden, wie diese Veranstaltungsreihe in München, die als Vorbild dafür wirken kann.

Auch wenn mich die Rolle Europas im Jugoslawienkonflikt und die europäische Entscheidungsfindung insgesamt pessimistisch gestimmt haben, so sind in mir hinsichtlich der Zukunft Europas doch noch Spuren von Optimismus geblieben, die sich auf zwei Perspektiven gründen: die Freizeitgesellschaft (die nur ein vereintes Europa aufbauen kann) und die Kultur. Anders ausgedrückt: Auf den ìkörperlichenî und geistigen Ausstieg des Menschen aus dem Produktionsprozeß einerseits und die neuen gesellschaftlich relevanten kulturellen Konzepte andererseits, die den Menschen ein anderes Leben in ihrer freien Zeit ermöglichen würden. Der ìLebensstardî kann, muß wahrscheinlich niedriger sein als heute - will die Menschheit überleben -, aber der Mensch hätte die Chance, glücklicher zu werden, im Frieden mit sich, seinem Nachbarn, der Natur.

Ich beobachtete in den letzten Jahren, wie sich in der Gesellschaft alles verkehrt. Die wirtschaftliche Entwicklung avancierte vom Mittel zum Selbstzweck. Das Mittel Politik wurde zum Zweck. Der Zweck Kultur verkam zum Mittel. Ein Mittel, das der Politik zu dienen und sie zu rühmen hat. Der Staat ist am Nullpunkt angelangt, hinsichtlich der Bedeutung, die er der Kultur im Leben eines Volkes gibt. So erscheinen das Sponsoring, die neuen Mäzene als Rettungsanker, der all das auf der Obefläche halten soll, was noch an der Oberfläche bleiben will. Die Regierungen, nachdem sie Hitech, Informatik und die Bildung des Bürgers in die Hand des Privatunternehmers gegeben haben, schenken ihm auch die Kontrolle über Kunst und Kultur ... Die Konsequenz für das Individuum in solch einer Gesellschaft wäre: Ich nehme nichts auf, gebe nichts, entscheide nicht, bewege mich nicht, bleibe reglos, reuelos, erstarrt, also bin ich tot.

In den europäischen Industriegesellschaften wird, angefangen von der Schule, die Kultur, die Beschäftigung mit den substantiellen Dingen des Lebens, zu den nutz-losen Dingen gezählt. Zum Nützlichen gehört nur, was der herrschenden Ideologie des Markt-Systems dient. Das Marketing und die Werbung formen das Bewußtsein unserer Epoche, das nur einen Wunsch kennt: die neuen Bedürfnisse zu stillen, die von den Industrien ständig produziert und reproduziert werden. Der Bürger wird tagtäglich zerrieben zwischen Produktion und Konsumtion. Denn er muß produzieren, und er muß auch konsumieren. Innerhalb dieses Prozesses, zwischen Skylla und Charybdis, hat der Bürger weder die Zeit noch den Wunsch, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, als mit den beiden Bedürfnissen, die das System ihm produziert - dem Bedürfnis im Produktionsprozeß all seine verfügbaren körperlich-geistigen und psychischen Kräfte einzusetzen, und dem Bedürfnis, die Waren, die er produziert hat, im Übermaß zu konsumieren. So verkommt der neoindustrielle Mensch zum Instrument der ìKulturî der Produktion um der Produktion willen, hinter der sich eine konkrete Form der Macht verbirgt. Und wenn ich Macht sage, meine ich Gewalt.

Als ich vor fast sechs Jahren darüber in Tübingen sprach, hatte ich davor gewarnt, daß ohne die vorhin genannten Perspektiven Europa versinken würde ìim Sumpf geistiger Primitivität, in Neo-Barbareiî - und ich ahnte nicht, daß die Wirklichkeit mich so schnell einholen würde. Denn was anderes als Neobarbarei sind die rassistischen Phänomene, die Neonazis, die steigenden Zahlen von Rauschgiftabhängigen in Verbindung mit einer zunehmenden Apathie und Politikverdrossenheit in breiten Bevölkerungsschichten? ìEuropaî wird einseitig aufgebaut, und das beunruhigt mich. Von einem überzeugten und engagierten ìEuropäerî - über Jahrzehnte fast der einzige innerhalb der griechischen Linken - werde ich immer skeptischer gegenüber einem Europa, das allein als freier Markt für alle möglichen Waren und Werte begriffen wird. Und die Einwohner der entwickeltesten europäischen Länder mögen zwar in Luxusautos herumfahren und in Luxuswohnungen leben, aber viele von ihnen bleiben unglücklich, bleiben unbefriedigt und werden von psychosomatischen Krankheiten heimgesucht.

Auch auf die Gefahr hin als Romantiker zu gelten, möchte ich festhalten: Der multinationale Staat Europa vereint die Traditionen der zu ihm gehörenden Völker. Deren Geschichte, Künste, Philosophien, sozialen Kämpfe, Kämpfe für Freiheit, Demokratie und gesellschaftliche Entwicklung. Somit zielt die europäische Vereinigung meiner Meinung nach im Wesen in eine einzige Richtung: das Glück dieser Völker als Resultat des Glücks jeder Familie und jedes Bürgers zu ermöglichen. Hat das vereinte Europa diese Orientierung vor Augen?


Griechischer Originaltext: © Mikis Theodorakis - Übersetzung: © Asteris Kutulas





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