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Die NATO, die neue Heilige Allianz




Die Ereignisse in Jugoslawien haben uns überrascht. Weniger die Bombardierungen an sich, (daran hatten wir uns mit dem Golfkrieg gewöhnt), als vielmehr die Projizierung auf die internationalen Bühne einer NEUER ZEIT, welche jene Zeitabschnitt in den Mülleimer der Geschichte wirft, der dem Zweiten Weltkrieg folgte und die internationalen Regeln in dem Rahmen festgelegt hat, in dem wir während der letzten Hälfte des Jahrhunderts gelebt haben, und dies zu Bedingungen, die von allen akzeptiert wurden.

Die Jahre, die dem Untergang des Nazismus und der Gründung der Vereinten Nationen folgten, sind gewiß nicht idyllisch gewesen; die meisten sind von den Rivalitäten des kalten Krieges, der atomaren Bedrohung und unzähligen Konflikten aller Arten gezeichnet worden, die die Menschheit zahllose Opfer gekostet haben.

Der große Besiegte dieses Zeitabschnittes ist der Kommunismus, sowohl als Staatsform als auch als Ideologie und Parteipräsenz. Die Anstrengungen zweier Jahrhunderte der Suche und der Anwendung des sozialistischen Ideales, mit dem Ziel der Erbauung einer gerechteren und humaneren Gesellschaft, sind in einer einzigen Nacht zusammengebrochen und haben den Kapitalismus als Sieger ins Zentrum der Festung des Kommunismus, nach Moskau, gebracht und von dort in alle Länder des "realen Sozialismus", von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Die Proklamation der USA als einziger Supermacht war die natürliche Konsequenz. Für sie besteht keine Angst mehr vor einem Gegner, während, parallel dazu, ihre wirtschaftliche Durchdringung und Herrschaft auf keine substantiellen Hindernisse mehr stoßen.

Das Europa, das aus der Währungsunion auftaucht, kann nicht als ein ernster Opponent gegen die weltweite Herrschaft der Vereinigten Staaten angesehen werden, da die amerikanischen Gelder dafür gesorgt hatten, tief in die europäische Wirtschaft einzudringen und eine wesentliche und bestimmende Rolle in den wirtschaftlichen Entscheidungen Europas zu spielen.

Die wirtschaftlichen Interessen, die Märkte, die Ölvorkommen und die Garantie eines normalen Betriebes durch die supranationalen Gesellschaften, sowie alles, was mit der vollständigen Kontrolle der USA über alle Randzonen des Globus zu tun hat: es ist nur normal, daß all dies nicht nur durch eine konkurrenzlose wirtschaftliche Macht abgesichert wird, sondern auch durch eine Konzentration von Vernichtungsmitteln ohnegleichen in der Menschheitsgeschichte.

Was wollen die USA denn anderes als dem ganzen Erdball ihren Willen und ihre Interessen fast ohne jede Kontrolle aufzuzwingen?

Wir müssen das studieren, was unserer Meinung nach den Anfang einer NEUEN ZEIT in der Menschheitsgeschichte begründet und sich im Vernichtungskrieg gegen Jugoslawien ausdrückt, um uns Rechenschaft abzulegen, was sich wirklich in unserer Nachbarschaft ereignet und welches die Konsequenzen für unser nationales Leben sein werden.

Wenn wir die Ereignisse nach den in unserer Zeit internationaler Gesetzlichkeit üblichen Kriterien analysieren, wie sie durch die Existenz der UNO ausgedrückt werden, so fürchte ich, liegen wir falsch.

Was sich nämlich automatisch herausstellt, sind die wirtschaftlichen Faktoren der Rüstungsindustrien, die bekanntlich den wesentlichen Faktor der Entwicklung sowohl in den USA als in den großen europäischen Ländern darstellen und an diesem neuen Kriegsschauplatz goldene Geschäfte machen: Jeder darf daher behaupten, daß sich ganz einfach diese Interessen hinter den Bombardierungen verbergen.

Er ist bekannt, daß diese Interessen bis heute zu einer ganzen Menge örtlicher Konflikte geführt haben, mit als Höhepunkt dem Golfkrieg vor zehn Jahren, ohne daß man sich aber über den Sicherheitsrat und die UNO hinweggesetzt hätte. Jedenfalls waren die USA bemüht, den Schein zu wahren.

Im Falle Jugoslawiens wurde deutlich, daß das Direktorium der NATO-Staaten nicht nur die UNO mit Verachtung behandelt hat, sondern alles getan hat, damit diese Verachtung von den Medien wahrgenommen wurde, so als ob man eine Botschaft in alle Himmelsrichtungen schicken wollte.

Und diese Botschaft ist klar:

-Die internationale Gesetzlichkeit, so wie sie in der Satzung der UNO festgelegt wurde, ist abgeschafft,

-Der Sinn und die Substanz der Staats-Souveränität sind abgeschafft,

-Das Gleichgewicht der Weltordnung ist abgeschafft.

Was wird an ihrer Stelle vorgeschlagen?

Ein neue Heilige Allianz mit an ihrer Spitze den USA, umgeben von den stärksten europäischen Ländern, um das neue Direktorium zu begründen, das den Rahmen der NATO benutzt, um die anderen Länder Europas in die Falle zu locken und zu neutralisieren.

Die Heilige Allianz proklamiert die NATO, das heißt, ihr kriegerisches Organ, zur höchsten Instanz, deren neuen Prinzipien künftig das einzige Gesetz darstellen, dem sich alle Völker der Erde zu beugen haben.

Die Entdeckung der "menschlichen Sensibilität" ist, das muß man zugestehen, eine kluge Bewegung, die zum Ziel hat, jene Reaktionen zu neutralisieren, welche die Völker Europas und Amerikas sowie die Weltmeinung ganz allgemein im ersten Stadium der Schaffung und der Ankündigung des neuen Instrumentes der weltweiten Herrschaft zeigen könnten.

In Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, eine Unterwerfung zu erreichen, sondern eine begeisterte Identifizierung, wie man sie übrigens bei den Amerikanern sieht, eine Identifizierung, die, meiner Meinung nach, die alleinigen wirtschaftlichen und anderen Einsätze bei weitem übertrifft.
Diese Identifizierung spiegelt sich in der öffentlichen Meinung der europäischen Länder, bei den politischen, sozialen und anderen Akteuren, selbst innerhalb des europäischen Linken: es ist ganz einfach unmöglich, daß von einem Augenblick zum andern alle von kollektiver Blindheit geschlagen wurden, daß sie nicht sehen und verstehen, was evident ist, und daß sie diese Konzentration von Mitteln einer beispiellosen Massenvernichtung an Individuen, Bevölkerungen und humanitären Leistungen rechtfertigen. Als ob die Balkan der Ort und seine Einwohner die Kinder eines Untergottes wären, der sie nichts angeht. Da noch von ökologischer Zerstörung zu sprechen, klingt wie ein übler Scherz.

Was geschieht also?

Ich habe Angst, daß die Europäer nur zu gut verstanden haben und daß sie sich glücklich schätzen, daß ihr Herrscher sie zu seinen Auserwählten zählt.
Immerhin, sind sie nicht irgendwie überlegen? Gehören sie nicht zur gleichen Rasse? Jene, die die erdrückende Mehrheit dargestellt hat, welche die USA begründeten mit den Einwanderern, jetzt ihren Nachkommen und künftig den "Planitarchen",- den Beherrschern des Planeten-, die, ihnen die Hand reichen und sie einladen, zusammen die NEUE ORDNUNG DER DINGE anzuwenden, die bestrebt sind, sich auf den Ruinen von Jugoslawien abzusichern und all jenen, die sich noch den Befehlen der neuen Herrscher der Erde widersetzen wollen, anhand dieses Beispiels zu zeigen, was ihnen droht.

Zum Abschluß dieses Artikels fragt ich mich, ob sich hinter alledem keine sehr alten kulturellen Differenzen verbergen.

Der westliche Mensch, der von seinen Phobien des kalten Krieges befreit ist, seine Feinde ruiniert sieht und sich an seiner Kraft berauscht, hat er in sich seine alte Süffisanz und Lust auf die totale wirtschaftliche, politische, militärische und kulturelle Herrschaft gespürt?

Hat er von neuem seine eiserne Kreuzritter-Rüstung angelegt?

Haben Sie wohl verstanden?

Ist dies der Beginn des neuen Mittelalter?


© MIKIS THEODORAKIS. Artikel erschienen in TO VIMA, am 26.4.1999. Deutsch: Guy Wagner





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