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Aufruf gegen die Bombardierungen des Iraks




AUFRUF DER INTELLEKTUELLEN, WISSENSCHAFTLER UND KÜNSTLER EUROPAS AN DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION
UND DER RAT DER EUROPÄISCHEN UNION

Die einseitige Entscheidung des Präsidenten der Vereinigten Staaten - mit der alleinigen Unterstützung des Premierministers von Großbritannien – den Irak zu bombardieren, ohne die Angelegenheit vorher mit dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen –, mit der NATO und mit den US-Verbündeten in Europa zu diskutieren, eröffnet eine neue Ära, die die Geister der Vergangenheit zurückruft. Die europäischen Staatsmänner erhielten eine schallende Ohrfeige in Gesicht durch die Verachtung seitens dieses "Globalen Tyrannen", der, sicher in seiner waffenstrotzenden Hochburg verschanzt, nicht zögert, unschuldige Menschen seinen persönlichen Interessen zu opfern.

Wir, die Unterzeichner dieses Aufrufes, glauben, daß die tragischen Ereignisse von heute als ein Fanfarenruf an die Völker Europas und unsere Regierungen gelten sollten.

Es ist Zeit, die Macht und den Einfluß der europäischen Union zu entfalten, die gewaltig sind und die zu einer großen Macht des Friedens werden können, wenn nur der Wille dazu vorhanden ist. Wir glauben, daß dies unsere erste Pflicht ist, eine Pflicht, die so bedeutend ist wie unsere Bemühungen um die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung unserer Völker.

Dafür aber müssen wir uns von unserem Unterlegenheitskomplex gegenüber den USA befreien und die Rolle eines Hüters vieler Länder in Europa und der europäischen Union als Ganzes, welche dieses Land weiterfährt auszuüben, neu bewerten.

Europa muß seine eigene, unabhängige Außen- und Verteidigungspolitik entwickeln, es muß ein führender Verteidiger des internationalen Gesetzes und des Weltfriedens werden. Es muß der Rolle eines globalen Polizisten, die sich die USA selbst gaben, mit der sie ihre Interessen weltweit schützen und womit sie die Souveränität, die Unabhängigkeit und die Rechte der Völker der ganzen Welt bedrohen, ein Ende setzen.

Europa muß die Nabelschnur durchschneiden die sie, über die NATO, an ihre erniedrigende Rolle eines Satelliten fremder Interessen bindet. Was ist noch der Zweck des atlantischen Bündnisses seit dem Untergang der Sowjetunion? Keiner, und alle Mechanismen, die uns zu einem bloßen Pfand der arroganten US-Politik reduzieren, müssen zerstört werden.

Europa muß für seine vollständige Unabhängigkeit kämpfen und sich seiner Macht und der lebenswichtigen Bedeutung ihrer Mission als Verteidiger des internationalen Gesetzes, der Rechte von schutzlosen Völker und des Weltfriedens bewußt werden.

Das harte und demütigende Schlag ins Gesicht, den wir bekamen, sollte uns endlich wach werden lassen.

Wir müssen schnell und wirksam arbeiten, um Europa den Status einer führenden Macht im Dienste des Frieden zu geben, eines Verteidigers der Interessen und Rechte aller Völker gegen die willkürlichen Entscheidungen einer einzelnen Supermacht.

Mit diesem neuesten Akt von Arroganz haben die USA neue Dimensionen der Autokratie erreicht, die uns als Individuen und als Nationen demütigen. Dies ist der Grund für den gegenwärtigen Aufruf; er kann in wenigen Wörtern zusammengefaßt werden:

Stellen Sie Stolz der Völker Europas wieder her. Hindern Sie die autokratischen Vereinigten Staaten von Amerika daran, sich als unser Hüter aufzuspielen. Schaffen Sie ein unabhängiges Europa mit voller Souveränität in Wirtschaft und Verteidigung, das fähig ist, die Welt von der alten Regel der Pistolen, den Waffen von heute, zu befreien, die, wie wir Europäer nur zu gut wissen, den Völker der Welt immer wieder Unheil gebracht hat.


Mikis Theodorakis

Dezember 1998





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