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Verleihung des Preises der Alexander Onassis-Stiftung




"Die beiden Achsen, die den Verlauf der Menschheit bestimmen"

Rede von Mikis Theodorakis


Präsident Stefanopoulos gratuliert
Herr Präsident der hellenischen Republik, Herr Präsident der Alexander Onassis-Stiftung, Meine sehr geehrte Damen und Herren,

Ich möchte zuerst von allen, der Leitung und dem Vorstand des Ausschusses des Internationalen Onassis Preises für ihre Entscheidung danken, mich zu ehren, etwas, das mich tief berührt.

Ich begrüße die Gegenwart von Präsident Giscard d'Estaing, dem ich öffentlich meine persönliche Dankbarkeit sowie die aller griechischen Demokraten aussprechen möchte, die - in den trostlosen Jahren der militärischen Gewaltherrschaft - gastfreundlichen Schutz fanden in seinem freundlichen Land, als er Präsident der Französischen Republik war.

Hier geht es unmittelbar um ein Problem von Kultur. Freiheit und Demokratie auf der einen Seite - Faschismus und Gewaltherrschaft auf das anderen, unterscheiden den kultivierten Menschen von einem ungebildeten und konfrontieren sie miteinander.

Rückblickend auf die vergangenen Jahre, kann ich nur ein Gefühl von Optimismus für die Zukunft ausdrücken. Zwar kann man sich wundern, wieso dies möglich ist, wo wir doch alle um das Niveau und die ausweglosen Situationen wissen, welche die Kultur erreicht hat, insofern sie zu einer vulgären kommerziellen Ware in den Händen einer erbarmungslosen Industrialisierung intellektueller und künstlerischer Werte geworden ist? Doch wir kennen die historischen Tatsachen, und diese führen uns zur Schlussfolgerung, dass die Menschheit stets vorwärts schreitet.

Wenn ich mich auf Europa beschränken sollte, in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, so sahen wir die Vorherrschung von totalitären Regimen, die zum zweiten Weltkrieg führten.

Der wesentliche Konflikt, der sich hieraus ergab, war ein Konflikt zwischen Totalitarismus und Freiheit, zwischen Gewaltherrschaft und Demokratie.

Tief in seinem Kern aber war es ein Problem der Kultur, ein Problem, das versuchte, seine Lösungen innerhalb der geistigen und intellektuellen Entwicklung des Menschen zu finden, und, darüber hinaus, der menschlichen Gesellschaften.

Das heute vereinte Europa ist, könnte man sagen, nicht nur freier und demokratischer als das Europa in den Jahren zwischen den Kriegen, sondern auch zivilisierter.

Seltsam ist, dass es, – obwohl es eine vorsätzliche Anstrengung zu politischem und sozialem Fortschritt gab, die von gesellschaftlichen Institutionen, von Philosophen, Gewerkschaften, politischen Parteien und Politikern gemacht wurde –, im Grunde der Charakter des Menschen und der künstlerische Wert und die Traditionen sind, die in jedem Bürger verwurzelt sind, die für den kulturellen Aspekt verantwortlich sind.

Der Menschen wird vom Licht der Freiheit angezogen, und in diesem lebenslangen Prozess wird die Geschichte der Menschheit mit Feuer und Blut geschrieben.

Gerade das Licht der Freiheit aber enthält die Flamme der geistigen und intellektuellen Erfüllung des Menschen.

Wenn Freiheit zur sozialen Seite des Menschen gehört, so gehören Kunst und Kultur zum Menschen an sich. Zum Wesen des Menschen.

Es ist nicht leicht, mit Gewissheit über die intellektuellen und künstlerischen Elemente zu sprechen, die zur Erfüllung des Menschen beitragen, insbesondere über jene, die sich noch entwickeln und noch nicht geprüft wurden.

Die Fragen der Kunst sind uns immer ein tiefes Anliegen gewesen und bleiben es weiterhin. Die Verbindung zwischen Inhalt und Form, zwischen populär und gelehrt, zwischen Tradition und Modeerscheinung, markieren stets den Verlauf der Kunst. Jedenfalls sind im Verlauf der drei Jahrtausende menschlicher Zivilisation so viele wichtige Werke geschaffen worden, dass sie mehr als genügen, um heutige Bürger zu unterhalten und auszubilden. Und ganz bestimmt ist es dieses gemeinsame Erbe von uns allen, das geholfen hat und weiterhin hilft, dass Menschen und Gesellschaften ihren Weg zu Kultur zu finden. Stellen Sie sich einmal vor, was die Entwicklung der Erziehung und des Menschen sein könnte, wenn die Regierungen zur Verbreitung von Kunstwerken und Kultur ähnliche Summen ausgeben würde wie für Waffen...

Und wir erreichen dennoch eine andere Dimension der Kultur. Kultur ist ein Vektor des Friedens. Was ist der Vektor des Krieges? Die Unsicherheit. Derjenige, der sich hinter der brutalen Stärke von Macht verschanzt, tut es im Glauben dass er auf diese Art drohende Gefahren überstehen wird. Am Ende aber wird er besiegt werden vom größten Feind des Menschen, dem Tod. Doch der, der den Tod erobern will, ist der, der sich auf die Macht des menschlichen Verstandes stützt, um Kultur zu erzeugen. Und mit ihm werden die Gesellschaften überleben, die mit ihm die Schaffung unsterblicher geistiger Werke teilen. Aber um dies tun zu können, brauchen sie Frieden, mit allem, was immer er mit sich bringen mag.

Vermeiden wir, uns von den lautstarken Ereignissen desorientieren zu lassen, die normalerweise durch ein Machtgerassel entstehen (national, wirtschaftlich, religiös, ideologisch) und zu blutigen Kriegen mit unzähligen Verlusten an einfachen Menschen führen.

Die Achse der Macht ist eine der beiden Achsen, die den Verlauf der Menschheit bestimmen. Es ist diejenige, die für Kriege, zivile Unruhen, Völkermord und Massenzerstörungen verantwortlich ist. Die verantwortlich ist für Unterentwicklung, Hunger, Unwissenheit, Entwürdigung von Millionen Mitmenschen.

Die andere Achse, die den Menschen begleitet und in eine hellen Zukunft führt, ist die Achse der Kunst, der Geistes und der Kultur. Es ist die, die den wahren Menschen ausdrückt, den Menschen, der auf das Göttergeschenk an die Menschheit vertraut, auf seine geistige Dimension, die ihn von allen anderen Geschöpfen unterscheidet und ihn zu einem wahren König im Zentrum der Natur und des Lebens macht. Darum liebt er das Leben, die Natur und insbesondere seinen Mitmenschen, während die Achse der Macht alle dies hasst und zerstört.

Europa wankt unter dem Gewicht seiner Geschichte. An die zwei Achsen denkend, die ich gerade beschrieb, wird es für uns leicht sein, zu sehen, wer imstande ist, aus dieser endlosen Folge von Kriegen und Zerstörungen Nutzen zu ziehen, und wer aus der gleich endlosen Folge intellektueller und künstlerischer Leistungen fähig ist, zu gewinnen.

Ich glaube, die Zeit ist gekommen, das Gewicht von der einen Achse auf die andere zu verlagern. Dies wird, meiner Meinung nach, die tiefere historische Rolle eines Vereinten Europas sein.

Wenn wir wirklich nicht nur Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, gesellschaftliche Gerechtigkeit und Frieden in all seinen Dimensionen in unseren eigenen Ländern schaffen wollen, sondern sie überall auf der Erde fördern wollen, dann wird politische Planung, wie sie heute praktiziert wird, nicht mehr genügen.

Es ist eine Planung, die in einem großen Ausmaß beeinflusst wird durch die Achse der Macht. Wir brauchen eine neue Politik, die die Achse der Kultur berücksichtigt, als Garant nicht nur von intellektuellen, sondern auch von anderen Werten: von Freiheit und Frieden und all jenen Belangen, die sich zur nationalen und gesellschaftlichen Entwicklung und zum Glück der Menschen zusammenfügen.

Danke.

© Mikis Theodorakis, 7. November 2000 - Übersetzung: © Guy Wagner, 2002





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