Sie befinden sich hier Werke (Meta)symphonik - Oratorien

Zur Liturgie Nr.2 in h-Moll. »Für Kinder in Kriegen getötet«





Martin Flämig
1982 komponiert Mikis Theodorakis ein Auftragwerk für die Dresdner Musikfestsspiele. So entsteht die LITURGIE N°2 h-moll

Meisterhaft ist der Tonsatz für vierstimmigen a cappella-Chor der Liturgie in h-Moll. Für Kinder in Kriegen getötet.


Zehn der vierzehn Chorsätze beruhen auf Liedern des Zyklus' Ta Lyrika von Tassos Livaditis, die vier anderen sind neue Texte von Theodorakis selbst. Theodorakis hat die Lyrika-Reihenfolge zum Teil geändert, so daß der Strukturvergleich Liturgie/Ta Lyrika wie folgt aussieht: 1/1 - 2/2 - 3/3 - 4/4 - 5/16 - 6/5 - 7/6 - 8/* - 9/9 - 10/8 - 11/15 - 13/* - 14/*.

Durch diese Neustrukturierung, vor allem aber auch durch die neuen Texte von Theodorakis selbst, bekommt das Werk einen neuen Gehalt, eine neue Sinngebung:

Es wird zur Klage, zur Frage um Getötete, um den Sinn von Leben und Sterben. Einer der von Theodorakis selbst zur Liturgie verfaßten Gedichtstexte erwähnt in diesem Zusammenhang: »Anne Frank - Ibrahim - Emiliano«.

Während aber Ta Lyrika auf einem »Klagelied des Regens« aufhört, singt die Liturgie von neuer Hoffnung: Nach der Frage: »Was bleibt uns zu tun, ihr Kinder des Frühlingslichts? Was bleibt uns zu tun?« (No. 13), folgt im letzten Gedicht: »Psalm für die Liebe« die Antwort:

»Fünf verschwitzte Burschen und Mädchen tanzen mit dem Herzen im Mund,
Zweigen gleich, die biegsam sich in Zephirs Armen wiegen,
Fünffach hat die Liebe sich ins Gras des Glücks verstiegen.«

Dieses Gedicht, heißt auch noch »Morgengebet«, während das einleitende ein »Abendgebet« ist.

Von Abend bis Morgen, das bedeutet aber, daß »eine ganze Nachtwache, wesentlicher Bestandteil der orthodoxen Liturgie, durchschritten wird.« (Peter Zacher)

Die Liturgie No.2 stellt die bedeutsame Rückkehr Theodorakis’ zur geistlichen Musik dar. Es ist dies kein Paradox für den Komponisten, der sich selbst als Agnostiker (cf. Zacher) ausgibt und zur Zeit der Komposition des Werkes als überzeugter Linker kämpft.

Theodorakis hat selbst in seiner Autobiographie, die er etwa zur selben Zeit zu schreiben beginnt, auf die Bedeutung hingewiesen, die die byzantinische Musik in seiner Kindheit und Jugend hatte, wie sehr sie seine musikalische Entwicklung geprägt hat.

Diese Musik aber ist auch heute noch entscheidender Bestandteil der griechischen Musiktradition, ohne die seine eigene Musik nicht auskäme, und immer wider hat der Komponist sich auf sie bezogen.

Die Liturgie selbst stellt höchste Anforderungen an die Choristen, ebenso an die Zuhörer. Es ist aber die Vertrautheit der Melodien, die Einsicht gibt in inhaltliche Zusammenhänge, in das Wesentliche des Gehalts. Das vormalige Zuviel an Deklamation und Geste, das Theodorakis vorgeworfen worden ist, macht einer Strenge und Herbheit Platz, die vielleicht nicht unmittelbar ansprechen, deren Intensität aber noch lange nachklingt.

Die Uraufführung fand am 21.5. 1983 durch den Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Martin Flämig im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele statt.


© Guy Wagner: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland, 1995


LITURGIE N°2, AST 254
Gedichte: 01.-07. / 09.-11.: Tassos Livaditis - 08./12.-14.: Mikis Theodorakis - Deutsche Übersetzung: Dirk Mandel.
Komposition: 3.6.-20.6.1982
Teile:
01. Abendgebet
02. Cherubengesang für die Brüder des Regens
03. Das Gebet des Windes
04. Psalm für die Heilige Stadt
05. Klagetrommel aus Asphalt
06. Der Heilige Che
07. Psalm für den Heiligen Musiker
08. Anne Frank - Ibrahim - Emiliano
09. Der Tag der Apokalypse
10. Die Heilige Mutter
11. Halleluja-Kalamatinos für die Mäartyrer Partisanen
12. Totem Sohne
13. Gloria
14. Psalm für die Liebe - Morgengebet
UA: 2.5.1982 à Dresde
Dresdner Kreuzchor, Martin Flämig





| Druckfreundliche Ansicht | Diesen Artikel empfehlen |