Sie befinden sich hier Werke (Meta)symphonik - Oratorien

Zur »Sadduzäer-Passion«





CD BERLIN / EDEL Classics
Theodorakis' Perspektive einer metasinfonischen Musik geht von der Voraussetzung aus, daß die klassische Musiksprache gekannt und beherrscht ist, daß sie aber zu anderen Sprachen und Musiken in Beziehung gebracht wird, vor allem aber zur griechischen Dichtung und Volksmusik.

Dies ist auch der Fall für die als Kantate bezeichnete, »Sadduzäer-Passion« , die in ihrem Wesen eine musikalische Tragödie ist. Sie beruht auf dem Gedichtzyklus von Michalis Katsaros: »Nach Sadduzäerart.«

Katsaros Gedicht wurde 1951 veröffentlicht. Theodorakis las es ein Jahr später und war davon erschüttert. Es wurde für Theodorakis zu einer Offenbarung: Hier hatte ein engagierter Militant der griechischen Linken die Desillusionierung seiner Generation, - der Generation der Widerstandskämpfer gegen die Deutschen, die Engländer, die Amerikaner, die Faschisten, die Obristen und Reaktionäre - in aller Intensität verdeutlicht, und daher kann sich Theodorakis völlig mit ihm identifizieren: »Denn dieses Werk drückt mich aus, nicht als Person, sondern als Generation«.

Passion einer Generation

Asteris Kutulas kann daher zu Recht von der »Passion einer Generation« sprechen vom »verzweifelten Leiden des Individuums«: Die »Entwicklung der im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung konstituierten Standespartei der Sadduzäer - nach Flavius Josephus neben den Pharisäern, Essenern und Zeloten eine der >vier Philosophenschulen< - zu einer taktierenden, opportunistischen und ab dem Jahr 6 u. Z. mit den Römern paktierenden Gruppe der Jerusalemer Priesterschaft erweist sich, in extremer Ausformung, als Symbol für die eigenen Erfahrungen von Michalis Katsaros.«

Katsaros’ Desillusionierung wird ihrerseits zu der von Theodorakis und von seinen Mitkämpfern. Sie entsprach von Anfang an seinem eigenen inneren Leiden als Makronissos-Überlebender, der Schwierigkeiten hatte, sich in seinem Umfeld zurechtzufinden. Es ist eine Desillusionierung, die nicht nur das Scheitern der Revolutionäre vor dem äußeren Feind verkörpert, sondern vor allem im Innern der Organisation, die zum »Apparat« wurde: »Endlich haben die großen Revolutionäre ihr Werk, ihr Evangelium erhalten. Sie besaßen so etwas noch nicht. Es war aber unbedingt notwendig. Es ist das Evangelium der gelynchten Revolutionäre. Dies ist der Inhalt einer verwundeten Generation, deren größtes Vermächtnis diese ihre Wunde ist.«

Katsaros war somit der erste, der nach Theodorakis’ Überzeugung, »den Mut hatte, Wahrheiten zu sagen, die für jene Zeit äußerst bitter waren«: »Das Volkstümliche wird bei Katsaros zum Universellen. Das bedeutet: Das Volkstümliche zerbirst zu Tausenden kleiner Splitter, die sich im Universum zerstreuen. Katsaros’ Erfahrung ist zwar eine griechische, aber gleichzeitig auch eine allgemein menschliche und darum überall in der Welt von Interesse. So mußte auch meine Musik ein anderes Stadium erreichen, in dem die volkstümlichen Elemente explodierten und ich eine mehr persönliche Handschrift erringen würde.«

Theodorakis hatte nach seinem Genesungsaufenthalt auf Kreta Anfang der 50er Jahre, mehrere Monate bei Katsaros gelebt, und seit jener Zeit hatte der Komponist vor, das Gedicht zu vertonen, das ihm innerlich so naheging.

Skizzen zur »Sadduzäer-Passion« entwarf der Komponist aber erst 1967. Der Putsch der Obristen hinderte ihn dann daran, sie auszuführen, da die Entwürfe verlorengingen, als er untertauchen mußte. Auch neue, in Zatouna entworfene Elemente zu einer Komposition gingen verloren, als Mikis ins Konzentrationslager Oropos gebracht wurde, während er später, im Exil in Paris, das Buch nicht auftreiben konnte.

Erst nach seiner Rückkehr und dem, was ihm als vorher bewunderter Widerstandskämpfer und jetzt vermeindlicher »Kollaborateur« mit Karamanlis an Ungerechtigkeiten widerfuhr, wurde ihm der Weg klar, der zur endgültigen Musikfassung für die »Sadduzäer-Passion« führte: »Denn jetzt fühlte ich mich in jeder Hinsicht, geistig wie technisch, in der Lage. diesen Text zu bewältigen und solch ein Werk zu schreiben.«

Nach den Titeln des Zyklus’ von Katsaros gegliedert, hat das Werk sieben Teile: »Form meines Ego - Blinde Zeit - Jetzt diesen Schritt - Dorier - Im toten Wald - Blonder Jüngling - Nach Sadduzäerart«.

Es schließt mit den Versen:

»Endlich mißtraue auch ich
der sabbernden Meute von Hofschranzen
den hündisch ergebnen Schulmeisterseelen
den klimpernd mit Orden Litzen Tressen Bespickten
- Unschuld
Abhängig war mein Wille und unterdrückt
so manches Jahrhundert«

Neue Tonsprache

Die Zuhörer standen der für uns neuen Tonsprache, die Theodorakis für die benutzt, zu Anfang ziemlich fassungslos gegenüber. So ganz neu ist sie Theodorakis selbst nicht. Hier war er mit der unvollendeten Vierten Suite Ende der 50er Jahre angekommen, hier hatte er den Faden abgebrochen, den er nun wieder an sein vorheriges sinfonisches Schaffen anknüpfte. Der Beginn der »Sadduzäer-Passion« ist die Vierte Suite.

Diese Musiksprache aber entspricht sehr wohl der Vielschichtigkeit des Textes.

Er widerspiegelt Ereignisse aus zweitausend Jahren - vom Jerusalem der Sadduzäer, der Verweigerer, über Rom, Byzanz, die französische Revolution bis zur Jetztzeit - als große dogmatische Auseinandersetzungen als Sektierertum und als geistige Brechungen.

Auch die musikalische Klarheit, die frühere Werke sofort einsichtig machte, ist hier gebrochen.

Theodorakis fügt der Vielschichtigkeit des Textes in eine schroffe Herbheit der Musik und des Chores ein. Emotional »unterbelichtet«, zurückhaltend in ihren unmittelbaren Effekten, führt die Musik zu einer neuen Haltung des Zuhörers, - der Betroffenheit.

Ausdruck von Betroffenheit

Und gerade die Fassungslosigkeit, von der ich sprach, ist der eigentliche Gehalt des Werkes. Ich möchte diese Tonsprache, die Ecksätze voll erregender Motorik und vor allem den abrupten, auf Oktavglissandi beruhenden Schluß des Werkes als etwas ganz Eigenes, Originelles und musikalisch Neues und Innovatives von Theodorakis hinstellen.

Meine erste Reaktion war auch: Diesmal wird man ihm seine Vorgänger wohl kaum vorwerfen können!

Ob es sich um eine »noch nicht völlig ausgeformte neue Kompositionsweise, die von dem bisher bestehenden sinfonischen Schaffen bei Theodorakis wegführt« , oder ob es sich um eine ganz spezifische, nur für dieses Werk bestimmte Tonsprache handelt, wollen wir dahinstellen. Die »Sadduzäer-Passion« zeigt jedenfalls, daß Theodorakis immer wieder Neues und Überraschendes schaffen kann, auch für den, der ihn zu kennen glaubt.

Dabei bleibt die Spannung vom viertaktigen Grundthema des ersten Teiles »Form meines Ego« bis zum alles entscheidenden und den Rhythmus des Werkes ganz allgemein bestimmenden 5/8-Takt von »Nach Sadduzäerart« konstant, bevor es zur Beschwörung der »Unschuld« kommt und das Werk mit einem Oktavglissando abreißt: »der letzte Ton kann nicht das letzte Wort gewesen sein.« (Peter Zacher)


© Guy Wagner: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland, 1995


SADDUZÄERPASSION - KATO SADDUKAION, AST 251
Gedicht: Michalis Katsaros - Deutsche Fassung: Dirk Mandel
Komposition: 17.1.1981-August 1982 in Paris, Athen, Damaskus, Vrachati
Teile:
1. Form meines Ego
2. Blinde Zeit
3. Jetzt diesen Schritt
4. Dorier
5. Im toten Wald
6. Blonder Jüngling
7. Nach Sadduzäerart
UA: 25.2.1983 au Metropol Theater, Berlin (RDA)
Joachim Vogt, Jürgen Freier, Hermann Christian Polster, Friedrich Wilhelm Junge, Sprecher
Rundfunkchor Berlin (Dietrich Knothe), Berliner Sinfonie-Orchester, Dir.: Hans-Peter Frank





| Druckfreundliche Ansicht | Diesen Artikel empfehlen |