Sie befinden sich hier Werke (Meta)symphonik - Oratorien

Über die Siebente Symphonie (Frühlingssymphonie)





Theodorakis und Ritsos in Dresden (Photo Guy Wagner)
1975 hatte ich einen musikalischen Entwurf zu einigen Versen aus der »Herrin der Weinberge« geschrieben, den ich meinen Freunden in Paris sehr gern vorspielte. Im Mai 1982 beschäftigte ich mich wieder mit diesem Material. Innerhalb von zwei Wochen beendete ich das Finale der Symphonie Nr 7.

Etwas später nahm ich mir erneut die zwei Texte »Frühlingssymphonie« und »Marsch des Ozeans« vor. Diese Verse hatten mich in meiner Jugend stark geprägt. In unserem damaligen Haus, Anfang der vierziger Jahre, in der gebirgigen Stadt Tripolis, las ich, neben dem Ofen sitzend, aus dem der Duft frisch abgesägter Tannenzweige drang, die Verse von Ritsos und träumte von Frühling und Meer. Ich sah aus dem Fenster auf den Schornstein der Mavrojannis-Mühle und dachte: Erotisch null.

Ich begann mit der Vertonung der »Frühlingssymphonie«. Ich wählte die Verse mit großer Vorsicht aus, um die Struktur des poetischen Werkes nicht zu zerstören.

Erster Satz: Frühlingssymphonie

Die Erde schaudert. Unter der Erde knistert die aufgehende Saat. Die Halme, nach oben strebend, versuchen die Haut der Erde zu durchstoßen, um ans Licht zu gelangen, die Sonne zu grüßen. Verloren in der Unschuld der Jugend - wie soll ich die Pein erklären, die mich im Chaos meines Denkens und Seins gleich Paukenschlägen martert? In jenen Jahren, zwischen 1940 und 1943, quälte mich am meisten der Schatten Gottes. Meine Hinwendung zur Dichtung, die den Schlüssel bereithielt für das Tor zum All, ist verständlich: Gott suchend suchte ich dich. Die Stimme klingt sehr tief, als entspringe sie der eisigen März-Erde. Je mächtiger der Frühling wird, desto deutlicher ist die Stimme zu hören, verwoben mit den Geräuschen der Samen und Säfte, die den Stamm des Baumes und des Jungen in Erregung versetzen. Ich fühle, wie mich hinter den verschlossenen Fensterläden zwei Augen beobachten, wenn ich mich nachts hinlege und auf die weißen Wände des Hauses starre, das ahnungslos schläft. Ich fühle, dein Haar aromatisiert die Nacht.

Gewaltig erhebt sich der Chor über das Weltendach, die erste Erlösung zu verkünden, die das Wissen um die Liebe mit sich bringt. Aber zugleich peinigen Stimmkatarrakte den ruhigen Fortgang der Dinge. Im Königreich des Frühlings ist Ordnung Unordnung, Ruhe Sturm. Alles ist Lied und Beben zugleich. Klanglich muß das Bild des Lichtes, das in den Adern des Grases und des Steins singt, wiedergegeben werden. Die Streicher müssen zu Adern werden, die sich überschneiden, ineinandergreifen, sich gegenseitig vernichten. Sie prallen an die Oberflächen, die sich der menschlichen Stimmen bedienen, um zu singen. Sie folgen dem Vogel, der eintaucht ins Blaue und die Botschaft Gottes überbringt. Plötzlich fühle ich in mir eine Kraft und erkenne: ich wurde geboren, die Sonne deiner Augen zu grüßen. Und identifiziere mich mit dem All, ich, der bestirnte Himmel des Sommers, dessen Kommen ich nun erwarte.

Das Lied, das auch auf dem Dorfplatz erklingt, entspringt dem Katarakt, gleich einer Forelle, die eine dämonische Kraft zu Zuckungen des Todes oder des Lebens treibt. Diesen Sommer - meine schwarzen süßen Augen ... Als sollte ich die Landschaft der Wunder entdecken. Die Griechische Erde.

Von der gleichmäßigen Oberfläche des Chores lösen sich zwei Stimmpaare: So innig, schön, groß wurde ich durch deine Liebe, daß du dich nicht mehr hingibst, mich zu umarmen. Das ist der Eine, der sein Gesicht schuf, indem er die Stimmen der anderen, wie farbige Fäden, miteinander verwob. Freude Freude Freude. Die Rufe der Liebe, getragen vom Frühlingswind, werden die Unendlichkeit erreichen, während die Stimmung, die anfangs herrschte, triumphierend wiederkehrt. Plötzlich zerschellt der Spiegel. Auf die reglose Oberfläche stürzt ein riesiger Meteorit. Die Stimmen zerbrechen die gläsernen Gefäße, die sie zusammenhalten. Sie werden zu Lärm. Denn kaum zu ertragen die Erkenntnis, daß sie dem Befehl der Unendlichkeit folgen. Das Wunder ist vollendet. Die dionysische Überhebung führte zur Identifikation des Nichts mit dem Unendlichen, des Einzelnen mit dem Ganzen.

Zweiter Satz: Die Hinrichtung der Athina

Zunächst die Ereignisse: 1940 bis 1943, in der Stadt Tripolis auf der Peloponnes: Ich teilte mit meinem Freund Giorgos Kouloukis auch die Liebe zur »Frühlingssymphonie« und zum »Marsch des Ozeans«. 1947/48, Bürgerkrieg: Giorgos wird zum Tode verurteilt und eingesperrt. Eines Morgens schleppen die Wächter Athina, eine Partisanin, die nach der Schlacht von Zatuna festgenommen worden war, aus der Nebenzelle. Man führt sie zur Mauer des Hofes und erschießt sie. Alle beobachten, wie sich der Saft von den Orangen, die sie an ihrer Brust versteckt hielt, mit ihrem Blut vermischt. 1949, KZ-Insel Makronisos: Morgendliche Zwangsarbeit in der Vierten Abteilung. Gefangene tragen zu zweit Stacheldrahtrollen. Der eisige Nordwind schneidet in die Haut, wirbelt Staub auf, so daß wir kaum sehen können. Wir haben den Kragen hochgeschlagen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Verdreckt, unrasiert, das Einzige, was noch an Mensch erinnert, sind die Augen. Ich schaue meinem Nebenmann in die Augen und erkenne Kouloukis. 1954, ich lebe in Paris, Giorgos arbeitet als Lehrer in einem kleinen Dorf am Rande Lakoniens. Er hört im Rundfunk die Aufführung meiner Ersten Symphonie durch das Staatliche Orchester Athen, schreibt das Gedicht »Erste Symphonie« und schickt es mir nach Paris. Juli 1968 in Vrachati: Ich vertone das Gedicht und ändere den Titel - »Meine Schwester Athina«. September 1968, Verbannung in Zatuna: Ich stehe unter Hausarrest und harmonisiere das neue Lied. Ins Nebenhaus zieht mit Genehmigung der Gendarmerie eine ältere Frau mit ihrer Tochter. Sie ist mit einem Offizier der Junta verheiratet. Am Abend sitzen sie auf dem Balkon von Frau Marigo. Die Dorflehrerin läßt uns durch meine Tochter Margarita mitteilen, daß sie hierhergekommen ist, um ihrer Tochter zu gedenken, die als Partisanin während des Bürgerkriegs in Zatuna festgenommen und hingerichtet worden war. Ich frage mich, ob es die Mutter von Athina ist. Ich lasse sie wissen, daß ich ein Lied singen werde, das einem Mädchen gewidmet ist, das in dieser Gegend festgenommen wurde. Sie hört mir vom Haus gegenüber zu und weint stumm. Zwischen unseren beiden Häusern sitzen die Wächter, rauchen und reißen Witze. 1976, Panathinaikos-Stadion: Maria Faranduri singt zum ersten und letzten Mal das Lied der Athina während eines Konzerts für Zypern.

Geheimnisvoll und unergründlich die Wege, auf die uns der Erzengel führt. Als ich die Arbeit am ersten Satz, dem der Frühlingssymphonie, beendete, sah ich aus dem Wald der Klänge die Gestalt der Athina hervorschimmern. Ihre Schönheit blendete mich. Das Opfer der Athina, das absolute Überschreiten der eignen Grenzen, verwandelt sich zu einer lebendigen erotischen Null und geht dann ins Universum ein. Vorher aber hatte sie die Orangen mit solcher Hingabe geküßt, als wäre in ihrem Saft verborgen der ganze Frühling. Denn im Frühling verwandelt Athina den Tod in einen erschrockenen Hund, der bereit ist, den Spuren der Wahrheit zu folgen, denen, die in den Tod führen. Das schwache Leuchten des kommenden Sommers in der Nacht. Athina, das Fundament der Frühlingssymphonie, wird endgültig zur Ersten Symphonie.

Dritter Satz: Marsch des Ozeans

Die Landschaft ist zu einem nächtlichen Hafen geworden. Dort beginnt die Reise, die ihren Schatten auf die vorbeifahrenden Schiffe wirft. Der Chor kehrt zurück, ein vielgesichtiges Wesen, in dem jede Stimme hörbar wird und sich verliert - klangliche Leuchtkugeln - über den dunklen Wassern des Ozeans. Sie erhellen, flüchtig, mal Soldaten mit aufgesetztem Helm, mal verwundete Hände, gleich der Vergebung, die zu spät kam.

Plötzlich versperren die Streicher den Horizont. Was verbergen sie? Die Gefangenen etwa, die an den Ankern festgebundenen? Oder die Fessel, die den Hals des Horizonts umschließt?

Takt um Takt stellt sich uns die neue Frage: Werden wir also noch heimlich schüren die offene Wunde der Sonne? Wie ein Traum im Traum werden aus dem ruhigen Sturm der Klänge die Blumensamen und die fruchtbaren Adern des Frühlings hervorgehen. Endlich werden die erotischen Nullen zu sehen sein. Endlich sind wir bereit, Gottes Göttlichkeit zu vollenden im Schrei MEER - MEER - MEER. Wie kannst du noch schlafen, wenn du das Meer gesehen hast? Der Kreis schließt sich. Wir werden dort ankommen, von wo wir ausgegangen sind. Nur die Masten weisen in die Unendlichkeit. Bewegungslos über dem nächtlichen Hafen werden wir beobachten die Lichter, ertrunken im Wasser.

Vierter Satz: Herrin der Weinberge

Jetzt haben wir das Recht zu singen. Der Klang wurde zum Schrei und schließlich zu Lärm, nachdem er auch Schweigen geworden war. Wir saßen mit Athina am Abendmahlstisch. Dann verloren wir uns auf den Straßen des Ozeans. Wir entdeckten das Meer und mit ihm Gottes Göttlichkeit. Und all das nur, um das Einfache und Unbedeutende zu schmecken, das uns unsere Herrin der Weinberge zu geben hat und das aus uns kleine Götter macht. Ein Melos der Dankbarkeit und Anpreisung erfüllt unsere Seele. Wir singen dieses Lied, Monat um Monat, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert. Es ist kein Zufall, daß ich dasselbe alte Melos verwendete, als ich mitten in der »Dritten Symphonie« Byzanz meine Reverenz erweisen wollte. Herrin der Weinberge, Schwarzhaarige Herrin - ist sie die griechische Erde? Ist sie die Muttergottes?
Ist sie die Biene? Die Bitterorange? Das Melos - ein neuer Apollo, der den Weg fortsetzt, den Dionysos zu gehen begonnen hatte. Er folgt dem Dichter, der es geschafft hat, das Ach der Welt einzuschließen in den Tropfen der Kühle. Ein Tropfen, die Symphonie (die Siebente, um in den siebenten Himmel zu kommen, um die magische Kraft der Pythagoräer zu erringen). Der Tropfen - ein Mikrokosmos, in den jeder ungeteilt hineinpassen kann, wenn er bezaubert wird durch die Stille in seinem Herzen.


© Mikis Theodorakis - Deutsche Übertragung © Asteris Kutulas


SIEBENTE SYMPHONIE (FRÜHLINGSSYMPHONIE), AST 253
Komposition: 19.5.-12.12.1982 in Vrachati und Athen
Sätze:
1. »Earini Symphonia« (Frühlingssymphonie - Gedicht: Yannis Ritsos)
Adagio - Poco meno - Allegro - Allegro vivace - Meno mosso - Piu mosso - Andante - Largo
2. »I adelfi mas Athina« (Unsere Schwester Athina - Gedicht: Yorgos Kouloukis)
Larghetto - Piu mosso - Larghetto
3. »To Emvatirio tou Okeanou« (Der Marsch des Ozeans - Gedicht: Yannis Ritsos)
Andante con moto - Allegro - Tempo I
4. »I Kyra ton Abelion« (Die Herrin der Weinberge - Gedicht: Yannis Ritsos)
UA: 19.5.1984 im Kulturpalast Dresden
Ana Pusar, Elisabeth Wilke, Klaus König, Gunther Emmerlich.
Rundfunkchor Berlin, Beethoven-Chor Dresden, Chor der Kreuzschule Dresden, Dresdner Philharmonie, Christian Hauschild





| Druckfreundliche Ansicht | Diesen Artikel empfehlen |