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Suite N°.1 für Klavier und Orchester, AST 61




Nach der Sonatine für Klavier und dem Liedzyklus »O Kyklos« (Der Kreis) komponierte Mikis Theodorakis in den Jahre 1954-55 in Paris seine Suite Nr.1 für Klavier und Orchester AST 61, seine „Antäus-Suite“:

„Erneut musste ich die Erde Kretas berühren“, meinte er dazu.

In der Tat verbindet die Partitur Elemente der Dodekaphonik mit den Grundlagen der kretischen Musik. Sie spiegelt aber vor allem die bitteren Erinnerungen an die Schreckensjahre wider, die Theodorakis zwischen 1946 und 1951 erlebte.

Gleich beim Einsatz der Streicher im ersten Satz Allegro - Poco meno schafft Theodorakis eine starke Expressivität, die noch durch die rhythmische Spannung verstärkt wird. Ein zweites Motiv wird durch die Pauken, das vielfältige Schlagzeug und die Streicher skandiert; die Holzbläser schließen den Satz fast ironisch ab.

Das Soloklavier, das als Perkussionsinstrument behandelt wird, führt den nächsten Satz ein: Allegro - Andante con moto – Andante, der auf einer rhythmischen 11/8-Figur beruht. Er entwickelt sich mit unerbittlicher Strenge; das melodische Element ist auf einige Ostinato-Figuren reduziert. Ein Bruch erfolgt im Andante con moto, wenn die Holzbläser und die Streicher das melodische Element betonen, während das Klavier die Themen virtuos variiert und zugleich eine stets wachsende Akzentuierung der Rhythmen gestaltet.

Durch seine Konzentration und seine radikale polyrhythmische Entwicklung stellt der dritte Satz, Andante sostenuto, den Kern und den expressiven Höhepunkt des Werkes dar.

Der folgende, sehr variierte Satz: Allegro - Poco sostenuto - Poco meno - Piu animato - Piu mosso - Poco meno - Tempo primo, ma poco sostenuto umfasst sechs Perkussionsgruppen und verlängert die dramatische Wirkung, die auf archetypischen kretischen Rhythmen fußt.

Das Werk löst sich schließlich – Calmo – in der Melodie des Klaviers auf: Es ist das „Ende einer Tragödie“ (Theodorakis), der Tragödie von Makronissos, dieses von Stachelzäunen umzingelten Felsens ...

... „und weit weg die Wellen, die Entfernung der Welt, die Unmenschlichkeit, die sie erschüttert, die Schreie der Männer wie Schreie von Tieren, die man zur Schlachtbank führt und tötet, während jede Hoffnung stirbt und der Gefangene im Chaos der Verzweiflung versinkt: er allein mit dem Henker, er mit dem Wind, er mit der Nacht, er mit dem Durst, dem Schmerz, dem absoluten Nichts.“ (id.)

Die Suite Nr.1 wurde am 24. Februar 1957 von Jean Vigué und dem Staatlichen Griechischen Orchester (KOA) unter der Leitung von Andreas Paridis uraufgeführt. Im Sommer 1957 verlieh eine von Dmitri Schostakowitsch präsidierte Jury ihr die Goldmedaille im Kompositionswettbewerb der Weltjugendfestspiele von Moskau.


© Guy Wagner, 1995 - Neufassung 2006-2007

SUITE N°.1 FÜR KLAVIER UND ORCHESTER, AST.61
Komposition: 1949/50 (Kreta) - 1955 (Paris)
Sätze:
1. Allegro - Poco meno
2. Allegro - Andante con moto - Andante
3. Andante sostenuto
4. Allegro - Poco sostenuto - Poco meno - Piu animato - Piu mosso - Poco meno - Tempo primo, ma poco sostenuto
5. Calme
UA: 24.2.1957 in Athen.
Jean Vigo, Klavier, KOA, Andreas Paridis





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