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Theodorakis und das Kurdendrama





Erneut ist Theodorakis zum Mittelpunkt einer Kontroverse in Griechenland geworden. Seine Weigerung, eine Erklärung zu unterschreiben, die die griechische Regierung für ihre vermeintliche Verwicklung in die Auslieferung Öcalans an die türkischen Behörden verurteilt, und seine Absage, am Konzert teilzunehmen, das auf dem Syntagma-Platz stattfand, hat ihm die Unterstützung von den meisten Seiten aus der griechischen Bevölkerung und Kritik von anderen eingebracht.

Die drei Frauen, die mit Öcalan in Nairobi waren, im besonderen Öcalans vormalige Sekretärin, Frau Dilan, haben Theodorakis bezichtigt, das kurdische Problem bis jetzt ignoriert zu haben und sich darauf auf eine nur "negative" Weise bezogen zu haben. Theodorakis war sich immer intensiv des Leidens der Kurden bewußt. Bei seinen Konzerten während der griechischen Gewaltherrschaft, ab 1970, gab er den unterdrückten Menschen vieler Länder, einschließlich der Kurden, die Gelegenheit, ihr Leiden vor einem internationalen Publikum auszudrücken. Er hat nicht nur für sie gesprochen: Während er Minister war, bildete er einen Ausschuß, um den kurdischen Menschen zu helfen und ihnen Nahrungspakete zu schicken. Frau Dilans Kritik ist ernsthaft falsch unterrichtet.

In der Hitze der Kontroverse, die diese Frage umgibt, ist es wichtig daß Theodorakis' Erklärung an internationale Organisationen, die sich mit Fragen der Menschenrechte befassen, und an die internationale Gemeinschaft nicht verfälscht und mißbraucht wird. Aus diesem Grund veröffentlichen wir den Text seiner Erklärung im vollen Wortlaut auf Deutsch:

"Das Bild von Öcalan, mit verbundenen Augen in den Händen seiner Wächter, hat die Weltöffentlichkeit bewegt. Griechenland und die Griechen als Volk erleben eine große Tragödie, weil ohne unser Wissen, der kurdische Leiter von der kenianischen Polizei den Türken ausgeliefert wurde, als er die griechische Botschaft in Nairobi verließ. Erneut haben die Geheimdienste triumphiert.

Europas Verantwortung ist groß, weil es sich dem Gesetz des Stärkeren ergab, dem Gesetz des Dschungels, bei Mißachtung der Prinzipien des politischen Asyls.

Die geistlosen griechischen Ultranationalisten, die griechisches Gesetz verhöhnten und insgeheim Öcalan in unser Land gebracht haben und ihn so in die Hände seiner Feinde brachten, tragen ebenfalls eine schwere Verantwortung.

Angesichts dieser Situation ersuche ich die Intellektuellen und Künstler in Europa, meine Mitgefährten, gemeinsam eine Petition zu unterschreiben,

1. um gegen die europäische Position hinsichtlich Öcalans zu protestieren,

2. zu fordern, daß der kurdische Leiter einen gerechter Prozeß erhält und daß es europäischen Beobachtern gestattet wird, daran teilzunehmen,

3. um sicherzustellen, daß allen Kurden die vollen Menschenrechte zuteil werden, besonders jenen, die in der Türkei leben.

Athen, Februar 1999






Mikis Theodorakis

Kommentar: Gail Holst. Übertragung ins Deutsche: Guy Wagner





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