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Das kulturelle Griechenland: Ernste Fragen




Zwischen Scylla und Charybdis

Die kulturellen Beziehungen Griechenlands zu dem, was in der Vergangenheit "Europa" (d.h. die westeuropäischen Länder) genannt wurde, waren sehr eng geknüpft und vielgestaltig.

Sie erreichten eine große Intensität, zumindest bis zur byzantinischen Epoche, bis zum Zeitpunkt der Übergriffe der fränkischen Kreuzritter auf Konstantinopel, denen weitere bittere historische Erfahrungen folgten. Diese waren während der letzten zwei Jahrhunderte geprägt von zahllosen gravierenden Einmischungen der westlichen Großmächte in die innergriechischen Angelegenheiten.Sie führten schließlich zur Kleinasiatischen Katastrophe (1922), zur deutschen Besatzungszeit (1941-1944) und zur 40prozentigen Besetzung Zyperns durch die türkische Armee (1974).

Alle diese tragischen Erfahrungen hinterließen tiefe Wunden in der Psyche der Griechen - zumindest spielten sie eine außerordentlich große Rolle in bezug auf die Ablehnung bzw. Annahme bestimmter kultureller Leitbilder von Byzanz bis in unsere Zeit.

Griechenland war vielen Invasionen und Besatzungen, sowohl von Seiten des Ostens als auch des Westens, ausgesetzt. Um so bemerkenswerter ist es, daß es den meisten kulturellen Einflüssen, die aus Europa kamen und kommen, widerstand und weiterhin widersteht. Im Gegensatz dazu übt der Osten als allgemeines kulturelles Gefühl einen großen Reiz auf breite Schichten des griechischen Volkes aus.

Die sogenannte "Europäisierung" unseres nationalen Lebens, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, war das Werk der Großbourgeoisie und später des spärlichen Mittelstandes. Sie beschränkte sich auf die Modernisierung des Staates, der Popularisierung der Wissenschaft, sowie das Nachahmen europäischer Verhaltensnormen und Lebensmuster durch das Bürgertum und später durch die Bauernschaft.

Aber so sehr das europäische Gedankengut auch über den Weg des obligaten Bildungswesens in die griechische Gesellschaft eindrang, behauptete sich doch bis heute ein harter Kern, der "Europa" nach wie vor nicht annimmt. Und das betrifft vor allem den kulturellen Bereich, und da insbesondere die Musik. Dabei gilt die Musikkultur in unserem Land als eine Art "nationales Gewissen". Eine sichere psychische und moralische Stütze, zu der die Menschen in finsteren, schwierigen und kritischen Zeiten ihrer Geschichte Zuflucht suchen.

Es ist also nicht nur aufgrund meiner Profession, wenn ich die Bedeutung und die Rolle der Musik und allgemeiner des kulturellen Lebens im heutigen Griechenland herausstreiche, wenn ich jetzt Schlußfolgerungen über den Stand des kulturellen Lebens unseres Landes ziehe.

In der griechischen Kultur verbindet sich, wie in allen anderen Kulturen auch, die Musik zunächst mit dem Lied und weiterhin mit dem Tanz. Die Fähigkeit von anonymen oder namentlich bekannten Komponisten, Melodien hervorzubringen, stellt eines der kulturellen Phänomene des neueren Griechenlands dar.

Während der sogenannten Epoche der Zeitgenössischen Volksmusik (1960-1980) war durch die Beteiligung bedeutender Dichter (Elytis, Seferis, Ritsos usw.) an der Schaffung musikalischer Werke, die auf eine große Publikumsresonanz stießen, dem griechischen Volk die Möglichkeit gegeben, sich durch inspirierende, qualitativ wertvolle Schöpfungen auszudrücken. Das kann als eine erstaunliche Errungenschaft angesehen werden, wenn man in Betracht zieht, welches Niveau die dem massenhaften Konsum dienende geistig-kulturelle Nahrung hat, die sogar den ökonomisch am weitesten entwickelten Nationen vorgesetzt wird.

Es ist bemerkenswert, daß gerade auf dem Gebiet der Musik und des Liedes, auf dem sich mit dem größten Fanatismus aber auch Talents die Mentalität des Griechen manifestiert, daß sich gerade hier die härtesten Widersprüche und Widerstände gegen die europäische Klangwelt und insbesondere die europäischen Musikformen bemerkbar machen. Die herrschende Kaste erklärte beizeiten diesen Umstand mit der Unterentwicklung der Massen. Für sie drückt sich darin die im Verhältnis zu anderen westlichen Nationen bestehende Rückständigkeit der Griechen aus, was sich ihrer Meinung nach auch in anderen Bereichen des heutigen Lebens zeigt. Der griechische Staat und alle bisherigen Regierungen teilten und teilen diesen Standpunkt. Sie lassen ein Großteil ihrer ohnehin armseligen ökonomischen Zuwendungen für Kultur (unter 0,5% des Bruttosozialprodukts) ausschließlich den Repräsentanten der "europäischen Intelligenz und Kunst" zukommen. Es mutet tragikomisch an, wenn die jüngere Generation der griechischen Politiker den positiven Einfluß herausstreicht, den die Kulturbewegung der letzten Dezennien auf sie ausgeübt hat, eine Bewegung, die sich auf rein griechische künstlerische Elemente und Errungenschaften stützte.

In den 60er Jahren, aber auch im weiteren Verlauf der neueren Geschichte unseres Landes gab es den glücklichen Umstand, daß die progressive Kulturbewegung sich eng mit einer demokratisch-politischen Bewegung verband, was sogar dazu führte, daß sich diese durch jene artikulierte. Leider kam, noch bevor diese Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Militärdiktatur an die Macht, deren Ziel es war, diese beiden Bewegungen zu zerschlagen (1967). Aber das Gegenteil trat ein: Beide Bewegungen entwickelten aus dem antidiktatorischen Widerstand heraus eine derartige Ausstrahlung, daß sie in der ganzen Welt und vor allem in Europa bekannt wurden und hohes Ansehen genossen, während sie zugleich vor allem das griechischen Volk stärkten und beseelten, das aus der Zeit der Junta reifer, erfahrener und gestärkter hervorging.

Was nach 1974 kam, wirkte sich leider hemmend auf das gesamte Spektrum, das der Begriff Kultur umfaßt, aus. Vor allem das Ethos und die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft waren davon betroffen. Dafür gab es mehrere Ursachen. Ich möchte an dieser Stelle die wichtigsten nennen:

Ursache Nr. 1 waren die Auswüchse, welche die Mechanismen und Methoden der westlichen Konsumgesellschaft in unserem Land annahmen, und die nur ein Ziel hatten, nämlich das Funktionieren einer allmächtigen Paraökonomie, die katastrophale Folgen nach sich zog. Eine dieser Folgen ist die Herausbildung einer riesigen Kaste von Neureichen, die in allen Bereichen, die das gesellschaftliche Leben ausmachen, eine ihnen gemäße Subkultur hervorbringen, fördern und durchsetzen..

Ursache Nr. 2 ist das Fernsehen - eine Krake, in deren Umklammerung das griechische Publikum gefangen gehalten wird - mit seinen zwei Bossen, zum einen der gutbetuchten Kundschaft, die sich zusammensetzt aus den Rücksichtslosen und Neureichen und zum anderen einer selbstherrlich waltenden Dynastie, die von den Mächtigen der Fernsehindustrie, also vor allem den amerikanischen Medienkonzernen, inthronisiert wird. Erstere sind für die Vulgarisierung des gesellschaftlichen Lebens verantwortlich, letztere für die Amerikanisierung, was bedeutet, daß das Modell einer ungriechischen Kultur und primitivster Verhaltensnormen sich durchsetzt.

Ursache Nr. 3 sind der politische Laizismus und Amoralismus, der sich im Laufe der 80er Jahre breitzumachen begann und der zur Folge hatte, daß die wesentlichsten kulturellen und moralischen Werte der griechischen Gesellschaft in den Schmutz gezogen wurden; und das ging soweit, daß dadurch einige der stärksten Charakteristika unseres Volks verändert wurden.

Wir sind heute an dem Punkt, da die griechische Gesellschaft unter diesen "drei Wunden des Pharaos" sehr leidet. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen: ohne daß dagegen etwas unternommen wird. Und das, weil in den Jahren nach der Junta, also nach 1974, jene Interessenvertreter, welche die Hauptinitiatoren der drei oben beschriebenen "Entartungen" waren, es geschafft haben, jede aufbegehrende Stimme in eine Außenseiterposition, ins Abseits oder ins Schweigen zu drängen.

Darum, denke ich, sind die Ironie und der Sarkasmus all jener gerechtfertigt, die erkennen, daß fast unsere gesamte politische Welt, ihre Augen auf die Kriterien von Maastricht gerichtet hat. Als hätte Griechenland zu dem Europa, das sich in diesem Augenblick formiert, nichts weiter beizutragen als seine Unfähigkeit, sich auf einem Gebiet - und zwar dem der Ökonomie - zu beweisen, auf dem wir Schlußlicht sind, ohne daß wir allzuviel dafür können.

Dabei könnten wir uns auf besondere Weise einbringen auf dem Gebiet der Kultur, das schon sehr bald das eigentliche Kriterium sein wird, an dem sich bemessen läßt, ob aus den Träumen hinsichtlich unseres Europa eine Herrschaft der Banken oder eine wirkliche Gemeinschaft verschiedener Völker erwächst.


© Mikis Theodorakis - Oktober 1998

Der Text wurde unter dem Titel "Oktopus' Garten" und den Untertiteln: "Maastricht ist nicht alles / Was Griechenland von Europa bekommt und was es geben könnte", leicht gekürzt und mit Zwischentiteln versehen, in einer Verlagsbeilage "Griechenland" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Nummer 272, am Montag, den 23. November 1998 veröffentlicht.





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